Dienstag, 12. Januar 2010

Wer rettet uns vor den Rettern ?


Berliner Morgenpost (online) vom 12.1.2010
Frank Steffel,
Bundestagsabgeordneter der CDU und Präsident der Füchse Berlin, hat einen Rettungsplan für Hertha BSC erarbeitet. Der Unternehmer listet in einem Brief an Herthas Präsident Werner Gegenbauer zehn Maßnahmen auf, die dem Tabellenletzten der Bundesliga bis zu 21 Millionen Euro bringen könnten. Das berichtet die „BZ“. Steffel soll den Brief in Kopie an Vertraute im Senat und in Sportverbänden geschickt haben. „Das Ziel sollte es sein, für die Monate Februar bis Juni 2010 mindestens 15 Millionen Euro zu akquirieren und dadurch weitere hochkarätige Verstärkungen zu verpflichten“, schrieb Steffel am 17. Dezember 2009.
In der von ihm genannten „Ideensammlung“ schlägt er vor, dass die Spieler und Trainer auf zehn Prozent ihres Gehalts verzichten. Dies würde seiner Rechnung zufolge 1,8 Millionen Euro bringen. Weitere Vorschläge: 100 Euro Sonderumlage für alle Mitglieder, zehn Prozent Sonderbeitrag der Sponsoren und Verkauf von speziellen Rückrunden-Dauerkarten. Zudem regt Steffel unter anderem an, dass die Betreibergesellschaft des Olympiastadions die Spielstätte für die Rückrunde kostenlos zur Verfügung stellen sollte. Dies würde zwei Millionen Euro bringen.
Ein Abstieg würde zu drastischen Umsatzeinbußen führen, die aktuelle Situation der Hertha bereite ihm große Sorge. „Aus meiner Sicht sollte man die Kampagne unter ein griffiges Motto stellen, beispielsweise „Berliner, steht auf wenn Ihr Herthaner seid!“, heißt es in dem Schreiben.


Sehr geehrter Herr Dr. Steffel,
mit großer Verwunderung und Verärgerung habe ich gelesen, dass Sie vorschlagen, dass die Betreibergesellschaft des Olympiastadions in der Rückrunde auf die Miete von Hertha BSC verzichten soll. - Nun bin ich seit gut dreißig Jahren Anhänger des VfL Bochum. Ein Verein, der Jahr für Jahr seine besten Spieler (Wosz, Drobny, Gekas,...) ziehen lassen muss, um mit einem Transferüberschuss die Wirtschaftlichkeit sicherzustellen. Der Verein ist heute nahezu schuldenfrei. Trotz einiger Jahre in der zweiten Liga und stetigem Abstiegskampf vor 20.000 Zuschauern in Bochum.

Ein Verein wie Hertha BSC, mit einem Riesenstadion, im UEFA-Cup spielend und einem enormen Einzugsgebiet soll nun noch weiter (Sponsor DB) durch Steuergelder gerettet werden? Wie schon in Kaiserslautern, Dortmund oder Gelsenkirchen wird die Misswirtschaft und der Größenwahn durch Intervention der Politik unterstützt. Das ist ein Schlag ins Gesicht aller seriös arbeitenden Vereine und vor allem der kleineren Vereine (Bochum, Freiburg,...) die dadurch verdrängt werden. und sicherlich auch anderer Berliner Vereine (TeBe, Union,..).

Als ehem. Präsident des FC Eintracht Schwerin habe ich Jahr für Jahr ein paar Hundert oder wenige Tausend Euro kämpfen müssen, um im Landesstützpunkt den leistungsorientierten Jugendfußball am Leben zu halten. Unterstützung von Seiten der Politik: Fast Fehlanzeige, weil Schwerin ebenso wie Berlin pleite ist.

Jetzt zwei Millionen Euro Steuergelder um ein unmotiviertes Söldner-Team ein halbes Jahr zu retten? Eine Schande wäre das. Mir scheint, dass nach der 1-Mrd.-Euro-Befriedigung der Hotelerielobby nun alle ordnungspolitischen Dämme in der Union gebrochen sind.

Mit sportlichen Grüßen
Marcus Kremers

Sehr geehrter Herr Kremers,
ich verstehe Sie als Präsident eines Breitensportvereins sehr gut, aber das teuerste für Berlin und den Steuerzahler wäre ein Abstieg von Hertha BSC und ein "leeres" Stadion in der zweiten Liga.

Viele Grüße
Ihr Frank Steffel

Sehr geehrter Herr Dr. Steffel,
jetzt wird es wirklich schrecklich. Es geht doch nicht vorrangig um den Breitensport sondern um den volkswirtschaftlichen Schwachsinn, den Sie fordern und die damit verbundenen extreme Wettbewerbsverzerrung.

Mit dem gleichen Argument haut Gelsenkirchen Millionen an Steuergeldern in Schalke 04 rein, von dem Engagement Rheinlands-Pfalz in den 1.FC Kaiserslautern ganz zu schweigen.

Wenn das Olympiastadion zu teuer ist, dann machen Sie es dicht. Dann kann Hertha sich ein eigenes Stadion bauen und finanzieren, wie es andere Vereine wie die Bayern, der HSV, Leverkusen, Hoffenheim, etc. auch machen. Dann besteht auch hier Chancengleichheit. Wenn ich die in Rede stehenden Zahlen richtig hochrechne kostet Hertha das Olympiastadion lächerliche 4 Mio. Euro pro Saison.

Die einseitige Subvention von Unternehmen (und das ist Hertha ja) durch Kommunal-, Landes- und auf europäischer Ebene auch von Bundespolitik ist wettbewerbswidrig. Die Diskussionen um Opel, Quelle, etc. sind doch noch nicht vergessen.

Sehr geehrter Herr Dr. Steffen, es wäre schön, wenn sich die CDU bei Gelegenheit mal wieder auf die soziale Marktwirtschaft besinnt und staatliche Eingriffe und Steuermittelmissbrauch in dieser Form unterläßt. Oder machen Sie es konsequent und delegieren Sie zukünftig die Spieler zu den Vereinen, die erfolgreich sein sollen. Das gab es in Berlin ja schon mal...

Sportliche Grüße
Marcus Kremers


Ich glaube, dass Sie die volkswirtschaftliche und gesellschaftpolitische Bedeutung von Sport völlig falsch einschätzen.

Denken Sie nur einmal an die ca. 60 Mio. für die Deutsche Oper?!


Sehr geehrter Herr Dr. Steffel,
nun habe ich mehrere Jahre bei der Landesvereinigung der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände in Mecklenburg-Vorpommern die Diskussion um die gesellschaftspolitische Bedeutung von Sport und Kultur bzw. der "sozialen Inffrastruktur" begleitet und mitgeführt. - Die Deutsche Oper spielt sicherlich in einer "anderen Liga" als ein Fußball-Bundesligaverein, ich sehe da keinen Vergleich.

Aber mit der öffentlichen Förderung eines Fußball-Profi-Vereines wie Hertha BSC drängen Sie zwangsläufig einen anderen Verein, der diese Förderun von seiner Kommune/Land nicht bekommt aus der Bundesliga. Die gesellschaftliche Bedeutung von Sport und Fußball ist in Rostock, Cottbus, Dresden, Nürnberg oder im Ruhrgebiet sicherlich kaum anders als in Berlin.

Abgesehen von dieser Einschätzung ist und bleibt es doch aber eine massive Wettbewerbsverzerrung und die darf im Sport doch wohl nicht sein (auch wenn es in anderen Ländern wie Spanien und Italien alltäglich ist). Dann können wir auch das ganze Lizensierungsverfahren sein lassen, wenn unwirtschaftlich agierende Vereine letztendlich doch von der Politik gerettet werden. Das läuft ja nicht nur im Fußball sondern, wie Sie sicherlich besser wissen, auch im Handball (Essen. Gummersbach, Schwerin seinerzeit...), im Eishockey (Köln,.. ) usw. so. Diese Signale halte ich für gesellschaftspolitisch / -pädagogisch auch nicht für ratsam.

Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Steffel, trotzdem für die lebhafte und zumindest für mich anregende Diskussion.

Sportliche Grüße
Marcus Kremers


Es war auch für mich anregend und ordnungspolitisch haben Sie absolut recht, aber natürlich bedeutet ein Bundesligaverein auch erhebliche Sekundäreffekte und Imagebildung national sowie international.

Trotz allem schönen Abend.

1 Kommentar:

  1. Für mich hört sich dieser "Maßnahmenkatalog" nach billigem.. Stop!.. nein, nach teurem (zumindest für den Steuerzahler) Populismus an.

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