Donnerstag, 25. Februar 2010

The Old Firm

Es ist Derby-Zeit am Wochenende: Freitagabend empfängt Schalke 04 die Dortmunder Borussia - das Derby im Ruhrgebiet schlechthin! Einen Tag später kommt es zum Aufeinandertreffen der rheinischen Nachbarn Leverkusen und Köln. Das leidenschaftlichste Derby weltweit aber, findet am Wochenende im Norden Großbritanniens statt: The Old Firm - Rangers gegen Celtic.



Glasgow ist berühmt für die Architektur des Charles Rennie Mackintosh, für Kunstgalerien und Fußball. Die Stadt am Clyde ist mit annähernd 6 Millionen Einwohnern Schottlands größte Stadt und die drittgrößte Metropole auf der britischen Insel.

Im Zuge der Industrialisierung wurde Glasgow durch Kohle, Eisen und Baumwollindustrie damals zu einer der reichsten Städte weltweit. Der endgültige Niedergang der Schwerindustrie in den 70-er und 80-er Jahren führte zu Massenarbeitslosigkeit und Zerfall der Stadt. Mittlerweile hat sich Glasgow davon weitestgehend erholt – 1990 war die Stadt sogar europäische Kulturhauptstadt.

Es gibt diverse Fußballstadien in der Stadt: Dazu zählen der Celtic Park (Celtic F.C.) im Stadtteil Bridgeton/Parkhead, 60.832 Plätze; Hampden Park (Queen's Park F.C. und Nationalmannschaft) im Stadtteil Mount Florida, 52.500 Plätze; Ibrox Stadium (Rangers F.C.) im Stadtteil Ibrox, 50.467 Plätze und das Firhill Stadium (Partick Thistle F.C.) im Stadtteil Maryhill, 10.887 Plätze. Das berühmteste Fußball-Duell ist natürlich das zwischen Celtic und den Rangers – „The Old Firm“ genannt.

The Old Firm

Beim Derby der beiden größten Klubs des Landes und der Stadt Glasgow, Celtic gegen Rangers, geht es um mehr als nur ein lokales Aufeinandertreffen. Es geht um die Frage des Glaubens, der Herkunft sowie der sozialen Klassenzugehörigkeit. Einerseits das irisch orientierte und 1887 von einem irischen Mönch gegründete Celtic, das seinen Ursprung bereits durch das grün-weiß gehaltene Trikot verdeutlicht (emerald green & white hoops), das den Landesfarben irischer Einwanderer entspricht. Auf der anderen Seite die protestantischen Rangers (1873 gegründet), die sich als Unionisten der englischen Krone verpflichtet fühlen und deren Trikots an den Union Jack angelehnt ist. Auf dem Dach des Celtic Park, über dem Spielfeld, ist das schottische Andreaskreuz (the Saltire) wie auch die grün-weiß-orange irische Flagge gehisst, natürlich nicht der britische „Union Jack“.

Die irischen „Bhoys“ (offizieller Spitzname von Celtic) waren während der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts in das aufblühende Glasgow eingewandert und hatten sich dort mit der Zeit isoliert. Nicht zuletzt deshalb, weil ihnen Teile der heimischen Bevölkerung aus Furcht um ihre Arbeitsplätze und ihre soziale Klassenzugehörigkeit mit Argwohn begegneten. Die Jahreszahl 1888 im Vereinswappen bezieht sich nicht auf das Gründungsdatum des Klubs, sondern auf den Beitritt in die Glasgow and Scottish Football Association im August 1888. In diesem Jahr fand auch das erste Derby mit den Rangers statt. 1967 gewann Celtic unter dem legendären Jock Stein als erster britischer Klub den Europapokal der Landesmeister. Alle elf Spieler der "Lisbon Lions", die in der portugiesischen Hauptstadt 2:1 gegen Inter Mailand siegten, kamen aus Glasgow und Umgebung.

„Die Celtic-Fans sind einzigartig, sie gehören definitiv zu den besten der Welt und stehen wie eine Wand hinter ihrem Team. Und da ich schon in vielen Stadien der Welt gespielt habe, kann ich sagen, dass es kaum besser geht.“ (Andreas Hinkel )

Noch bis in das Jahr 1989 verpflichteten die Rangers ausschließlich Spieler protestantischer Konfession. Bis dahin war diese Vereinspolitik ein „unwritten law“, ein ungeschriebenes Gesetz. Zwischenzeitlich spielten immer mal wieder katholische Spieler für den Verein, doch erst der von Trainer Graeme Souness verpflichtete Maurice Johnston bekannte sich als erster Spieler seit dem Ersten Weltkrieg dazu, Katholik zu sein und das blaue Trikot der Rangers zu tragen. In beiden Fanlagern war die Entrüstung groß. Johnston hatte noch wenige Jahre zuvor bei Celtic gespielt und mit einem Wechsel zurück zu dem Verein geliebäugelt. Diese Verpflichtung und die zunehmende Internationalisierung der Mannschaften leiteten einen Wandel ein. In der jüngsten Vergangenheit haben sowohl die Rangers als auch Celtic gemeinsam mit religiösen Organisationen und der schottischen Regierung Initiativen gegen religiös motivierte Gewalt unternommen. Inzwischen gibt es sogar Fans, die sich als Katholiken für die Rangers oder als Protestanten für Celtic begeistern können – ein zu früheren Zeiten undenkbarer Verrat.

Sean Connery, unzweifelhaft einer der berühmtesten Schotten und in Edinburgh geboren, soll Anhänger der Rangers sein. Seit Jahrzehnten setzt sich Connery für die Belange seines Heimatlandes ein. Aus seiner Wahlheimat auf den Bahamas möchte er erst zurückkehren, wenn Schottland ein unabhängiger Staat geworden ist. Den weltweit berühmtesten Schotten aber, Hausmeister Willie aus der Serie "The Simpsons", hielt man aufgrund einer Folge von 1997 zunächst für einen Sohn der Stadt Glasgow. In dieser Folge bekannte er, einst der "hässlichste Mann Glasgows" gewesen zu sein, was die Bürger der Stadt mit großem Stolz zur Kenntnis nahmen. In einer anderen Folge träumte Willie und schrie im Schlaf "Go Aberdeen", was wiederum die Menschen in Aberdeen dazu veranlasste, ihn als einen der ihren zu feiern.

The overaged firm

Wenn in den Celtic-Pubs „The Fields of Athenry”, ein politisch motiviertes irisches Folklied aus den 1970ern über große Hungersnot (the great famine), so lange erklingt, bis das Trommelfell dröhnt. Wenn in den Rangers-Kneipen das blutrünstige Schlachtlied „Billy Boys“ ertönt, das in den 1920-er Jahren von einer Glasgower Straßengang (Billy Fullerton und seine Brighton Boys) in Kämpfen gegen die Katholiken verwendet und wegen seines brutalen Textes inzwischen im Stadion offiziell verboten wurde. (Kostprobe: „Wir stehen bis zu unseren Knien im Blut der verdammten Iren, gebt auf oder ihr werdet sterben.") Die geographischen Wurzeln im Song beziehen sich auf Bridgeton Cross in Bridgeton, ein Gebiet von Glasgow - historisch mit der protestantischen Bevölkerung der Stadt und mit schottischen Gewerkschaften verbunden.

Wenn die Fans 90 Minuten ununterbrochen bis zum Stimmenverlust durchsingen und die Kreativität ihrer Texte keine Grenzen kennt. Dann ist wieder Derbytime in Glasgow.

Ich habe die Champions League-Auftritte der Bayern in beiden Stadien erlebt – und muss sagen, dass ich bei den Rangers, vor allem aber bei Celtic von der Atmosphäre sehr angetan war.

Im September 1999 mussten die Bayern im Ibrox Park gegen Gruppengegner Rangers ran (Endstand 1:1). Den ganzen Tag lang wünschten uns Celtic-Anhänger überall in der Stadt, die äußerlich als solche gar nicht zu erkennen waren, viel Glück für das Spiel am Abend. Manche hoben mitten auf der Straße ihre Pullover hoch und darunter kam ein grün-weißes Trikot zum Vorschein, während sie uns zulächelten. Extrem beeindruckend war es, als die Rangers-Anhänger im Stadion zum Einlaufen der Teams Tina Turners „Simply the best“ schmetterten – wenngleich das nun nicht gerade mein Musikstil ist, hörte sich das aus den Kehlen der Rangers-Fans fantastisch an.

Noch mehr Gänsehaut gab es dann vier Jahre später im Celtic Park (25.11.2003 – Endstand 0:0). Ein Meer aus grün-weißen Schals wo man hinsah und dazu sang das ganze Stadion die Fußballhymne „You’ll never walk alone“. Da bleibt jedem Fußballfan der Atem weg. Das war das Beste in Sachen Stimmung, das ich je in einem Stadion erlebt habe.

Bei unserem Aufenthalt anlässlich dieses Champions League-Spiels, nahmen wir auch die Gelegenheit wahr, uns das UEFA-Cup-Spiel Heart of Midlothian gegen Girondins Bordeaux anzusehen. Das Spiel der Hearts war unterirdisch, aber die Atmosphäre im Tynecastle-Stadion und in den Pubs vor dem Spiel entschädigte uns für das fußballerische Grauen. Die Hearts verloren 0:2. Der Klub wurde übrigens nach einem Tanzsaal benannt, der wiederum den Namen nach einer Novelle von Sir Walter Scott ("The Heart of Midlothian") erhalten hatte.

Es wird wohl auch weiterhin das intensivste und leidenschaftlichste Derby bleiben. Wenn Celtic und Rangers aufeinandertreffen ist vieles außer Kraft gesetzt, dann ist alles anders. Die tief verwurzelte Rivalität hätte ein eigenes Kapitel im Buch „Kampf der Kulturen“ verdient, auch wenn die Ursprünge dieser Rivalität bei der jungen Generation der Stadionbesucher immer weniger ausgeprägt sein dürften. Eine irisch-stämmige katholische Arbeiterschicht auf der einen, eine royalistische und somit anglikanische Oberschicht auf der anderen Seite. Gleichwohl wird die Tradition gepflegt, vor allem, wenn sonst nicht viel bleibt.

Einige Fans von deutschen Vereinen versuchen etwas von dem Mythos zu vereinnahmen. So macht man beim Hamburger SV einen auf Rangers-Freundschaft und im Repertoire des BVB darf neben Freiburg, Karlsruhe, 1860 München, Saarbrücken, RW Essen, dem HSV (das passt zwar nicht, macht aber nix) und anderen natürlich auch Celtic Glasgow nicht fehlen. Die einzige offiziell belastbare Freundschaftbesteht zwischen St. Pauli und Celtic. So sind Fan-Utensilien des Kiez-Club im offiziellen Celtic-Shop zu bekommen. Allerdings waren beim letzten Spiel von Celtic beim HSV relativ wenige Paulianer mit dabei und auch ideologisch dürften die beiden Fan-Gruppen nicht sehr viele Gemeinsamkeiten haben.

Anschluss verpasst

Der schottische Fußball hat den Anschluss verpasst. Er ist ein Verlierer der Globalisierung und international nicht mehr wettbewerbsfähig. Die internationalen Ergebnisse schottischer Vereine in dieser Saison belegen den dramatischen Verfall der Liga.

In der Europa League-Qualifikation scheiterten alle vier schottischen Starter. Hearts of Midlothian unterlag bei Dinamo Zagreb mit 0:4, da reichte auch ein 2:0 im Rückspiel nicht. Steaua Bukarest lies dem FC Motherwell mit 3:0 und 3:1 ebenso keine Chance, wie Sigma Olomouc dem FC Aberdeen (5:1 und 3:0). Selbst die Hürde Liechtenstein war dem FC Falkirk zu hoch. Mit 1:0 und 0:2 n.V. hieß es „außer Spesen nichts gewesen".

Die Rangers schieden in der Champions League mit mageren zwei Remis aus, Celtic scheiterte in der Relegation zur Königsklasse an Arsenal London und belegte in der anschließenden Europa League hinter Tel Aviv und dem HSV den dritten Platz, der zum Ausscheiden berechtigt. Die Konsequent ist, dass Belgien in der UEFA-Fünf-Jahres-Wertung an Schottland vorbei gezogen ist und nun den Glasgower Teams den zweiten Startplatz für die Qualifikation zur Champions League entrissen hat. Die finanziellen Einbußen sind gravierend, bereits jetzt sind die Rangers mit rund 45 Mio € verschuldet. Celtic ist zwar derzeit schuldenfrei, mit den jüngsten Transfers und ausbleibendem internationalem Erfolg dürfte aber auch der Weg in die Miesen vorgezeichnet sein.

Dabei flackerte vor zwei Jahren noch einmal Hoffnung in Schottland auf. Die Rangers arbeiteten sich (nur 2 Gegentore in acht Spielen) in UEFA-Cup-Finale durch, unterlagen dort aber ebenso St. Petersburg mit 0:2 wie Celtic 2003 in der Verlängerung dem FC Porto. Celtic hatte 2007/2008 durchaus beachtliche Ergebnisse in der CL, besiegte den AC Mailand und schied gegen den FC Barcelona aus. Im Jahr zuvor gewann man alle drei Gruppenspiele daheim, unter anderem gegen Manchester United und schied anschließend unglücklich gegen den späteren CL-Sieger AC Mailand (0:0, 0:1 n.V.) aus.

Der Niedergang ist kein Wunder, denn den schottischen Vereinen fehlt schlichtweg das Geld, um auf europäischem Niveau mithalten zu können. Während die Glasgower Teams zumindest auf die Einnahmen von durchschnittlich 50.000 Zuschauern pro Heimspiel und entsprechenden Merchandising-Einnahmen zurückgreifen können, sind die Einnahmen aus Fernsehrechten an der Schottischen Premiere-League ein Witz. Kein Wunder, denn die Hälfte der Clubs hat einen Zuschauerschnitt von unter 6.000. Wer will sich die schon in Fernsehen anschauen. Mittlerweile erhält man sogar an den Spieltagen noch locker Karten für die Heimspiele der beiden Clubs.

Ab nach England

Sie eint dementsprechend der Wunsch, die schottische Liga baldmöglichst zu verlassen und in die englische Premiere-League zu wechseln. Die schwache nationale Konkurrenz ist ein Grund dafür, dass seit 1972 (Europapokal der Pokalsieger für die Rangers) kein Glasgower Team mehr einen Titel auf europäischer Ebene gewinnen konnte. Die beiden angesprochenen UEFA-Cup-Finalteilnahmen können als glückliche Ausnahmen verbucht werden. Die letzten 24 Meistertitel wurden allesamt entweder an Celtic oder die Rangers vergeben, zuletzt konnte sich 1985 der FC Aberdeen gegen diese erdrückende Übermacht durchsetzen. Celtic wurde bis heute insgesamt 42 Mal Meister, Rangers 52 Mal – zugleich der Weltrekord an Meistertiteln. Die Meisterschaft erschöpft sich in der ungemein spannenden Frage: Wer von beiden wird’s diesmal?

Diese Frage scheint in der aktuellen Saison überraschend früh entschieden zu sein. Zwar rüstete Celtic in der Winterpause mit Morton Rasmussen, Edson Braafheid und Robbie Keane noch einmal mächtig auf, eine Schwächeperiode mit einem Remis gegen Falkirk sowie Niederlagen gegen Hibernian Edinburgh und dem FC Kilmarnock nutzen die Rangers aus und bauten ihren Vorsprung auf 10 Punkte aus. Die wohl letzte Hoffnung töte Steven McLean vom FC Aberdeen, der jüngst eine 4:2 Führung der Celtics im Pittodrie Stadium egalisierte. Am letzten Wochenende verkürzte Keane den Rückstand auf sieben Zähler, weil das Rangers-Spiel abgesagt wurde. Somit ist zumindest der psychologische Druck auf die Rangers, nicht verlieren zu dürfen, noch etwas größer geworden.

Widerstände von schottischem und internationalem Fußballverband verhinderten bisher einen Ligawechsel der Glasgower Klubs. Ohne ihre beiden Zugpferde fiele die Scottish Premiere League schneller in die Bedeutungslosigkeit ab als mit ihnen. In Wales haben sechs Vereine, u.a. die Proficlubs Cardiff City, Swansea City und AFC Wrexham den Schritt in Richtung England gemacht. Sie dürfen auch nicht mehr am walisischen Pokal teilnehmen und können sich nur in England für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren. In der Konsequenz liegt der Zuschauerschnitt in der walisischen ersten Resteliga bei 300 Personen pro Spiel. Mittlerweile dürfte auch der englische Verband einer Öffnung nicht mehr ganz so abgeneigt sein. Vor dem Hintergrund der finanziellen Krisen bei vielen Vereinen und drohenden Insolvenz denkt man bereits an Play-Offs um weitere Einnahmen zu erzielen. Da dürfte die Aufnahme der beiden Glasgower Teams die weitaus nachhaltigere Alternative sein, da somit auch die TV-Einnahmen, besonders im Ausland, gesteigert werden könnten. Eine länderübergreifende Zusammenlegung von höchsten Spielklassen ist mittlerweile auch für die UEFA nicht mehr ganz so abwegig. Ähnliche Diskussionen gibt es immer wieder für Holland, Belgien und Luxemburg, der Liechtensteiner Verein FC Vaduz spielt bereits in der Schweizer Liga und mittlerweile 16 Teams aus Estland, Lettland und Litauen spielen seit 2007 die Baltic-League aus.

Leider verblasst der Mythos der beiden Clubs, auch vorangetrieben durch die Kommerzialisierung und TV-Präsenz des europäischen Fußballs etwas. Aber zumindest den eingefleischten Fußballfans wird auch zukünftig ein Schauer über den Rücken laufen wenn das nächste Old-Firm im Ibroy-Park oder Celtic-Park angepfiffen wird. Am Sonntag ist es wieder so weit. Das 387. Derby steht an. Bisher gewannen die Rangers 186 Partien, Celtic 138.

Andre Zechbauer (Fernglas FCB) & Marcus Kremers (18:48)

Links zum Thema:
http://www.rangersfansvcelticfans.com/oldfirm.html
http://www.soccerbase.com/head2.sd?team2id=512&team1id=2104

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