Sonntag, 21. März 2010

Zeitenwende

Es scheint eine Zeitenwende im Deutschen Fußball eingeläutet zu sein. Trotz Zuschauerbooms und moderner Stadien spaltet sich die Fußballlandschaft in solvente und kaum noch solvente, um nicht zu sagen insolvente, Vereine. Die beiden üblen Ruhrgebietsvereine haben den Größenwahn vorangetrieben. Doch aus welchen Gründen auch immer wurden Sie dafür weder vom Finanzmarkt noch vom Verband bestraft. Aktieninhaber (selber schuld) oder die Kommune (egal, ist eh pleite, soll die nachfolgende Generation richten) sind u.a. die Leidtragenden. Diese Vorgehensweise war anscheinend die Initialzündung für andere Vereine, es ähnlich zu machen. Während Kaiserslautern schon lange von der gesellschaftlichen Inzucht im Bundesland profitiert und immer wieder mit Steuergeldern vor dem Aus gerettet wurde ("Die Region braucht den FCK"), haben die Münchner Löwen ausgerechnet bei den Bayern vorrübergehend ihren weißen Ritter gefunden. Andere Vereine haben sich mit ihren neuen Stadien aber dermaßen übernommen, dass sich die Abwärtsspirale "kein Geld-keine Spieler-kein Erfolg-keine Zuschauer-..." immer weiter in Richtung Abstieg dreht.
Arminia Bielefeld ist hierbei das derzeit akuteste Beispiel. Die nicht zu deckende Etatlücke, der vorzeitige Abschied vom Aufstiegtraum, der große Schnitt in der kommenden Saison. Es wird voraussictlich lange dauern, bis die Arminia wieder an die Tür der Bundesliga klopfen kann. Ein Wunder, dass zum bedeutungslos gewordenen Spiel gegen Paderborn noch knapp 20.000 Zuschauer gekommen sind.

Auch der MSV Duisburg kann die Kosten für die Arena in der 2. Liga nicht aufbringen. Hier wird die Stadt einspringen müssen, damit der Verein zumindest in der 2. Liga konkurrenzfähig bleibt. Nur noch gut 12.000 Zuschauer waren beim letzten Versuch der Zebras dabei, noch einmal in dem Kampf um die Aufstiegsplätze einzugreifen.

Eine Liga tiefer hat Dynamo Dreden es wohl gerade noch geschafft, das finanzielle Überleben zu sichern. Über 1,2 Mio. Euro pulvert die Stadt in dieser Saison in die Mietkosten des Stadions hinein. Rekordverdächtig ist, dass bereits vor Fertigstellung des neuen Stadions erklärt wurden musste, dass dieses ja gar nicht finanzierbar ist. Auch hier sahen nur 12.000 Zuschauer das letzte Abstiegskampfduell.

Alle drei genannten neuen bzw. modernisierten Stadien fassen übrigens rund 30.000 Zuschauer.

Ärger siehts in Essen aus. In der Tabelle der größten Städte Deutschlands von Rang 6 auf Rang 9 gefallen und auch im Fußball gib es von der zweiten in die vierte Liga. Das Theater um einen Stadionneubau zieht sich unebdlich in die Länge. Während 2.500 Anhänger für die Modernisierung demonstrieren schauen sich knapp 6.000 Unentwegte auf der Baustelle im maroden Georg-Melches-Stadion ein 0:3 gegen Schlusslicht Worms an.

Auch anderswo mag unter den Tribünen von neuen Stadien das Risiko noch schlummern, wenn die Stadien mal eine Zeit lang nicht ausgelstet sind. In Wehen beträgt die momentane Auslastung beispielsweise nur rund 1/4 (3.000). Auch wird es sich zeigen, wohin die Entwicklung in Paderborn, Aachen, Rostock, Cottbus, vielleicht sogar Düsseldorf, Mainz und Hannover hingehen wird.

Anders läuft es derzeit in Leipzig und Augsburg ab. Hier scheint eine langfristige finanzielle und strukturelle Basis zu existieren, die es ermöglicht, sich in der Bundesliga etablieren zu können. Die Zuschauer kommen aus Hunger am Fußball, nicht aus reiner Freude an Tradition. Wolfsburg und Hoffenheim bekommen als Antipathieträger wohl bald Konkurrenz. Auf einer soliden Zuschauerbasis und großen Fangemeinde bauen Union Berlin und St. Pauli Stück für Stück ihre Zukunft auf. Dass es so langsam vorangeht, mag viele stören, aber dafür scheint man vor einem plötzlichen finanziellen Desatster sicherer zu sein.

Ähnliche Risikoscheu haben andere Clubs und gehen den solideren Weg ohne sich hoffnungslos zu verschulden. In Bochum und Freiburg geht es nur langsam, aber dafür refinanzierbar voran. Allerdings auch nur so lange, wie sich kein sportlicher Mißerfolg einstellt. Schon die Trainerentlassung in Bochum, Neuverpflichtungen in der Winterpause und ausbleibende Zsuchauer sind für den Weg des VfL höchst riskant. Und nicht zu vergessen ist auch Rot-Weiss Oberhausen. Ein liebevoller Verein, wo man Fußballtradition der 70er/80er-Jahre im Stadion noch spüren kann.


Kommentare:

  1. Mir ist nicht ganz klar inwieweit Augsburg mit Kunstvereinen wie RBL und 1899 vergleichbar sein soll.

    Ansonsten: Traurige Wahrheiten.

    AntwortenLöschen
  2. Mir scheint in Augsburg wird nun auch eine Menge Geld generiert, um den Club in die Bundesliga zu puschen. Ohne das Finanzkosntrukt genau zu kennen, denke ich dass um den wohlhabenden und gut vernetzten Walter Seinsch, den Finanzdienstleister impuls sowie mit Unterstützung der regionalen Politik incl. städt. Gesellschaften etc. hier eine ordentliche Basis gelegt worden ist. Würde mich nicht wundern, wenn die nach dem Aufstieg noch eine ordentliche Schippe oben drauf legen und im Etat Vereine wie Freiburg, Mainz, Bochum oder Gladbach überholen. Die fußballerische Tradition des FCA hat sich bisher ja auf wenige Ausflüge in die 2. Bundesliga begrenzt. Keine Frage, der FCA ist im Freistaat eine Größe, macht gute Jugendarbeit und hat eine große Anhängerschaft, aber überregional ist (noch) nicht viel.

    AntwortenLöschen
  3. Nach meinem Kenntnisstand hat Seinsch zwar den Verein saniert, allerdings in der Profizeit so gut wie nichts mehr reingesteckt. Da wird mittlerweile einfach bodenständig gewirtschaftet (viele Neuzgänge Ablösefrei, dafür einige gegen Ablöse abgegeben, etc.)

    Wie gesagt, mein Kenntnisstand. Ich wohne zwar in der Nähe hab aber ansonsten keine direkten Kontakte und weiß nichts wirklich bzgl. internas, aber das ist das was soweit an die Öffentlichkeit gedrungen ist.

    Glücklicherweise hat man mit Rettig jemanden geholt der Ahnung von seinem Job hat - gerade daran ist es in der Vergangenheit in Augsburg oft gescheitert weshalb sich die Erfolge in den letzten 20 Jahren auch eher in Grenzen gehalten haben.

    AntwortenLöschen