Montag, 19. Juli 2010

Interview mit Werner Altegoer - Teil I

Werner Altegoer wurde 1993 Präsident des VfL und übernahm im Jahre 2002 den Vorsitz des neu geschaffenen Aufsichtsrats. 18:48 sprach mit ihm über seine Arbeit, Fan-Protesten, der Vereinsstruktur und der Perspektive des Vereins.
(Teil II des Interviews folgt am Montag um 18:48 Uhr)


18:48: Sehr geehrter Herr Altegoer, nachträglich nochmals alles Gute zu Ihrem 75. Geburtstag. Welche Wünsche sind Ihnen entgegengebracht worden?

WA: Danke sehr! Der Schwerpunkt der Glückwünsche verlagert sich im Laufe der Jahre, konstant bleiben die Wünsche auf eine erfolgreiche VfL-Saison.


18:48: Sie haben in der letzten Mitgliederversammlung gesagt, dass das Internet nicht ihr bevorzugtes Medium ist und auch die Diskussionsformen dort kritisiert. Daher freue ich mich, dass Sie heute, ich glaube zum ersten Mal, ein Interview für einen Blog machen.

WA: Ich habe aber auch gesagt, dass ich sehr gut nachvollziehen kann, wenn man Internetforen nutzt, um seine Meinung zu äußern. Ich habe es nur als sehr mühsam empfunden, die interessanten Äußerungen aus dem ganzen Unsinn zu filtern und vor allem die Anonymität kritisiert.


18:48: 1993 haben Sie das Amt des Präsidenten übernommen, 2002 wurden Sie Vorsitzender des neu geschaffenen Aufsichtsrates. Wie haben sich in dieser Zeit der Bundesligafußball, die Anforderungen an die Vereine und die Vereinsführungen geändert?

WA: Kurz gesagt, es ist erheblich mehr Geld im Spiel und erheblich mehr Öffentlichkeit. Die Vorstandsarbeit ist ehrenamtlich nicht mehr zu machen.


18:48: Vergleicht man die Etats der Bundesligavereine wird deutlich, dass die Liga geteilt ist. Die Hälfte der Clubs wirtschaftet in einer anderen Dimension, der Rest teilt sich auch noch mal in zwei Größenordnungen. Können diese wirtschaftlichen Unterschiede sportlich überhaupt überwunden werden?

WA: In einzelnen Jahren schon, wie das jetzt Mainz gelungen ist. Im Grunde deckt sich aber die Tabelle zunehmend mit der Größe des jeweiligen Etats.


18:48: 1993 spielten neben dem VfL noch Vereine wie Bayer Uerdingen, Wattenscheid 09, 1.FC Saarbrücken, VfB Leipzig und Dynamo Dresden in der ersten Liga. Von Eintagsfliegen wie der SSV Ulm oder der SpVgg Unterhaching nicht zu sprechen. Der VfL kann sich vielleicht mit Clubs wie Karlsruher SC, MSV Duisburg, 1860 München, Arminia Bielefeld, FSV Mainz 05, FC St. Pauli, Fortuna Düsseldorf oder der SC Freiburg vergleichen. Was hat der VfL im Vergleich zu diesen Clubs richtig gemacht, wo sind aus heutiger Sicht Fehler gemacht worden?

WA: Auch wenn es viele nicht mehr hören wollen: die wirtschaftliche Konsolidierung unseres Vereins war existenziell. Wir haben immer darauf geachtet, auch ein Zweitligajahr durchstehen zu können, ohne an die sportliche Substanz gehen zu müssen. Wir waren 1993 in der zweiten Liga und wirtschaftlich nahezu handlungsunfähig. Das hat sich nachhaltig geändert. An uns vorbeigezogen sind Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim, die Ursachen hierfür sind bekannt. Dieses viel zitierte „ins Risiko gehen“ ist letztlich ein Vabanque-Spiel, Hopp oder Topp. In Ihrer Auflistung sind einige Beispiele, die in der Vergangenheit oder zurzeit darunter leiden. - Ansonsten kann man einen Verein nicht leiten, ohne Fehler zu machen.


18:48: Werfen wir einen Blick auf die Vereinsstruktur: Wie muss ein moderner Verein heute aufgestellt sein?

WA: Ein Verein im Profifußball muss in erster Linie wie ein Unternehmen aufgestellt sein. Ich denke, wenn sie ein Organigramm des VfL sehen, dann spiegelt sich das sehr gut wieder. Allerdings ist hier auch vieles im Fluss und muss immer wieder angepasst werden, zuletzt im Nachwuchsbereich.


18:48: Der Aufsichtsrat ist für viele ein nebulöses Gremium. Können Sie uns kurz erläutern, welche Rolle der Aufsichtrat hat und welche konkrete Arbeit für die ehrenamtlichen Mitglieder anfällt?

WA: Das Wort „nebulös“ muss ich ablehnen, das erweckt den falschen Eindruck, als ob wir im „Geheimen“ arbeiten und die Mitglieder im Unklaren lassen wollten. Es ist bei uns nicht anders als bei anderen Vereinen oder auch Unternehmen: öffentlich äußert sich der Aufsichtsratsvorsitzende, grundsätzlich obliegt die Vertretung des Vereins dem Vorstand. Aber wir haben hier auch ein Defizit erkannt und ein Konzept entwickelt, um die Tätigkeit des Aufsichtsrates und die einzelnen Mitglieder öffentlich darzustellen.

Ich denke, nur so können wir einigen verqueren Vorstellungen über die Abläufe innerhalb des Vereins entgegentreten.

  • Der Aufsichtsrat des VfL Bochum wird seit 2002 von Werner Altegoer (75) geführt. Stellvertreter ist Prof. Dr. Klaus-Peter Schütt (60), Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Er ist zudem Geschäftsführender Gesellschafter der Acomcar GmbH in Bochum und Geschäftsführer der A&W netcar GmbH. Desweiteren sitzen im Aufsichtsrat Horst Christopeit (70), Unternehmer in Hattingen und ehemaliger Torwart des VfL Bochum sowie Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft der Amateure, Volker Goldmann, Vorsitzender des Vorstands der Sparkasse Bochum, Heinz Hossiep (72), SPD-Politiker mit verschiedenen regionalen Ämtern und Funktionen, Gerd Kirchhoff (68) ehemaliger Stadtdirektor von Bochum sowie Axel Treffner (42) als Fan-Vertreter. Er ist auch Mitglied im Fan-Club Blau-Weiße Panther. (60),

18:48: Demnach sollten Aufsichtsratsmitglieder vor allem folgendes mitbringen:

WA: Wirtschaftliche und möglichst sportliche Kompetenz, sie sollten außerhalb des Vereins in verantwortlicher Position tätig und echte VfLer sein, sonst tut man sich manche Dinge nicht an, die mit dieser Tätigkeit verbunden sind.


18:48: Wie stehen Sie aus Ihrer Sicht und Erfahrung zu Überlegungen, die Rechte der Mitglieder gegenüber Aufsichtsrat und Vorstand zu stärken?

WA: Es gibt gute Gründe dafür, dass z.B. der Vorstand nicht von den Mitgliedern gewählt wird, sondern vom Aufsichtsrat berufen wird, der seinerseits dem Votum der Mitglieder unterliegt. Wir diskutieren verschiedene Ansätze, um Fans und Mitgliedern verstärkt die Möglichkeit zu geben, direkt mit den Verantwortlichen zu reden.

Grundsätzlich muss ich aber festhalten: die Fußballabteilung eines Bundesligisten kann nicht geführt werden, wie ein Sportverein alter Prägung. Wir haben uns nicht umsonst von unserem Hauptverein getrennt, in dem die Mitglieder sicher enger eingebunden sind. Ein einmal berufener Vorstand muss eigenverantwortlich handeln können, ein einmal gewählter Aufsichtsrat muss handlungsfähig sein, sonst passt ein 40-Millionen-Umsatz nicht mehr in eine Vereinsstruktur.


18:48: Die in der Satzung des VfL festgeschriebene Wahl des Aufsichtsrates steht bei Teilen der Fans und Mitglieder in der Kritik, besonders das Gremium des Wahlausschusses und die Block-Wahl des Aufsichtsrates. Ist diese Konstruktion so noch zeitgemäß?

WA: Im Zuge einiger turbulenter Hauptversammlungen bei anderen Vereinen hat der DFB vor Jahren konkrete Vorgaben gemacht. Unsere Satzung war eine von relativ wenigen Möglichkeiten, diese umzusetzen. Satzungen müssen immer mal wieder überprüft werden, ich halte aber wenig davon, einzelne Punkte separat zu behandeln. Da gibt es aber Fachleute, die sich mit dieser Problematik befassen.

Zum Wahlausschuss gibt es zu sagen, dass die Mitglieder laut Satzung auf Vorschlag des Ehrenrates von der Mitgliederversammlung zu wählen sind. Damit haben die Mitglieder letztlich die Entscheidungshoheit. Die Wahl der Aufsichtsratsmitglieder im Block ist nicht nur in meinen Augen unerlässlich. Damit die Arbeit des Aufsichtsrates effektiv und effizient sein kann, sollte die Atmosphäre zwischen den einzelnen Mitgliedern von Vertrauen und gegenseitigem Respekt geprägt sein. Animositäten sind in diesem Zusammenhang hinderlich für eine gute Zusammenarbeit. Aus diesem Grund hat es erhebliche Vorteile, wenn so eine Mannschaft bereits als Team zur Wahl antritt. Nicht zu vergessen: Entscheidende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Auszug aus der Satzung


§ 17 Wahlausschuss:

Der Wahlausschuss besteht aus drei Vereinsmitgliedern, die mindestens 40 Jahre alt sind und fünf Jahre und länger als Mitglied dem Verein angehören müssen. Die Mitglieder des Wahlausschlusses sind auf Vorschlag des Ehrenrates von der Mitgliederversammlung zu wählen.


Dem Wahlausschuss obliegt es, der Mitgliederversammlung geeignete Kandidaten für den Aufsichtsrat gem. § 18 Ziff. 1 a zur Bestätigung vorzuschlagen. Scheidet ein Mitglied aus dem Wahlausschuss aus, so wird für dieses Mitglied ein Ersatzmitglied auf der nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung für die restliche Amtsperiode nachgewählt.


Vorschläge für die Kandidaten zum Aufsichtsrat können die Mitglieder des Vereins bis zwei Wochen vor der jeweiligen Jahreshauptversammlung über den Vorstand beim Wahlausschuss einreichen.

Die Haftung der Mitglieder des Wahlausschusses ist auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit beschränkt.


§ 18 Aufsichtsrat:

1. Der Aufsichtsrat besteht aus mindestens 5, maximal 9 Personen mit Stimmrecht. Ein Vertreter der eingetragenen Fanclubs des Vereins kann weiteres Mitglied des Aufsichtsrates sein.


a) Fünf ordentliche Mitglieder des Aufsichtsrates werden von der Mitgliederversammlung aufgrund

von durch den Wahlausschuss der Mitgliederversammlung zu unterbreitenden Vorschlägen

gewählt. Diese müssen Mitglieder des Vereins sein. Sie werden en bloc gewählt.

Scheidet eines dieser Mitglieder im Verlaufe der Amtszeit aus und wird dadurch der Aufsichtsrat

beschlussunfähig, hat der verbleibende Aufsichtsrat eine außerordentliche Jahreshauptversammlung

zum Zwecke der Nachwahl einzuberufen.


b) Die von der Jahreshauptversammlung gem. Ziff. 1 a) gewählten Aufsichtsratsmitglieder

können bis zu vier weitere, ordentliche Aufsichtsratsmitglieder benennen. Die benannten

Aufsichtsratsmitglieder sind der nächsten ordentlichen Jahreshauptversammlung bekannt zu geben.


c) Weiteres Mitglied des Aufsichtsrates kann ein von den eingetragenen Fanclubs des Vereins vorgeschlagener Fanvertreter sein. Dieser bedarf der Bestätigung durch die Mitgliederversammlung.


2. Der Aufsichtsrat bestellt den Vorstand. Wird ein Mitglied des Aufsichtsrates zum Vorstand bestellt, scheidet dieses aus dem Aufsichtsrat aus.


3. Zu den Aufgaben des Aufsichtsrates gehört es, die Geschäftsführung des Vereins zu überwachen.

(…) Das Ergebnis der Prüfung gibt der Aufsichtsrat der Mitgliederversammlung bekannt.


4. Der Aufsichtsrat prüft und genehmigt den dem DFB/Ligaverband vorzulegenden Finanzplan des Vorstandes. Über den Ansatz im Finanzplan hinausgehende Ausgaben bedürfen der Genehmigung

des Aufsichtsrates. Gleiches gilt für (…) auch für den Abschluss von Verträgen, die eine

Zahlungspflicht von mehr als EURO 250.000,00 p.a. beinhalten. Der Aufsichtsrat kann mit einer

Mehrheit von 2/3 beschließen, dass weitere einzelne oder der Art nach gleiche Rechtsgeschäfte

seiner Zustimmung bedürfen.


Fortsetzung folgt

Bild: VfL Bochum

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