Montag, 19. Juli 2010

Interview mit Werner Altegoer - Teil II


18:48: Der VfL hat sich in den letzten Jahren sehr bemüht, an seinem Image zu feilen. Viele Aktionen zur Mitgliedergewinnung und zu einer eigenen Identität sind gemacht worden. Der Erfolg scheint eher bescheiden zu sein, vielleicht auch aufgrund der sportlichen Situation. Schauen wir uns die Vereinsphilosophie und das Leitbild an: Wie weit liegen Anspruch und Realität auseinander?

WA: Wenn man Erfolg hat, redet kein Mensch über das Leitbild. Im Leitbild steht, dass wir erstklassig sein wollen. Insofern haben wir natürlich eine Diskrepanz, aber ein Leitbild ist eine grundsätzliche Angelegenheit, die über Jahre umgesetzt werden muss.

Die Aktionen haben ja durchaus ihre Wirkung, allerdings in starker Abhängigkeit vom sportlichen Erfolg. Was ich bei I-Dötzen säe, kann ich bei Teenagern natürlich als Erstligist besser ernten. Die Aktion ist aber trotzdem wichtig und richtig.


18:48: Welche Rolle spielt der Nachwuchs und Spieler aus der Region beim VfL?

WA: Es wäre wünschenswert, wenn wir wieder mehr Spieler aus dem engeren Umfeld in der Mannschaft hätten. Aber die müssen dann auch die Qualität haben. Das war in den vergangenen Jahren kaum der Fall. Wir haben einiges in der Jugendabteilung verändert und werden da auch weiter machen. Die ersten Früchte der Veränderungen in der Nachwuchsabteilung konnten wir bereits in diesem Jahr ernten. Sowohl die U19 als auch die U17 werden in der kommenden Saison in der höchsten deutschen Spielklasse an den Start gehen und die Durchlässigkeit zur ersten Mannschaft ist gegeben. In der vergangenen Saison waren es mit Patrick Fabian, Kevin Vogt und Roman Prokoph drei Spieler, die in den Profikader aufgerückt sind, für diese Spielzeit sind es mit Oguzhan Kefkir, Mirkan Aydin, Marc Rzatkowski und Michael Esser vier. Wir sind auf einem guten Weg.


18:48: Wie ist die Kommunikationspolitik beim VfL aufgestellt?

WA: Was die Kommunikation des Gremiums Aufsichtsrat angeht, so wird hier gerade konzeptionell an Veränderungen gearbeitet. Da sehe ich Handlungsbedarf. Ansonsten schlage ich vor, ein ähnliches Gespräch mit dem Vorstand zu führen, die sind zuständig.


18:48: Die Unzufriedenheit vieler Zuschauer und Fans hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren immer mehr gesteigert und ist in der letzten Saison gleich mehrfach explodiert. Wie sehen Sie die verschiedenen Aktionen, z.B. beim Abschlusstraining, der Ultras, vor allem aber auch Initiativen wie die von „Wir sind VfL“ und „Klartext1848“?

WA: Aktionen machen ja nur wirklich Sinn, wenn sie motivierend sind. Der Grat ist aber sehr schmal, dass solche Aktionen das Gegenteil bewirken. Ich weiß aus der Mannschaft, dass dies Vielfach genau der Fall war. Mal ganz abgesehen davon, dass es bei Bedrohung einzelner Personen endgültig aufhört. Die Initiativen kann ich nicht abschließend beurteilen. Ich denke aber, dass der Verein mit allen sprechen sollte – und damit haben wir ja auch begonnen.


18:48:: Neben Ihnen stand und steht vor allem Thomas Ernst massiv in der Kritik. Thomas Ernst ist seit Juli 2008 beim VfL und wird gerne mit seinem Vorgänger Stefan Kuntz verglichen. Ist dieser Vergleich zulässig und welche Möglichkeiten hatte Thomas Ernst bisher überhaupt, etwas zu bewirken? Welche Grenzen sind dem Vorstand durch Aufsichtsrat und Trainer gesteckt (z.B. bei Transfers)?

WA: Der Vergleich ist grundsätzlich natürlich zulässig, wobei ich mich daran nicht beteiligen will. Ich möchte nur auf zwei Dinge hinweisen: im Bereich Außendarstellung gehört Stefan Kuntz zu den Topleuten im deutschen Fußball, quasi ein Naturtalent. Da fällt es jedem schwer, die Nachfolge anzutreten. Aber das ist ja nur ein Teilbereich des Anforderungsprofils. Und zweitens hatten wir vor vier Jahren durch Sondereffekte erstmalig richtig Geld zur Verfügung und haben vergleichsweise große Summen investieren können. Und für beide gilt: beim VfL arbeiten wir im Team. Da ist keiner für Erfolge oder Misserfolge alleine verantwortlich.

Thomas Ernst handelt innerhalb derselben Grenzen, die Herrn Magath Kopfschmerzen verursachen. Das gilt meines Wissens aber für alle Vereine, meist auch in ähnlichen Größenordnungen. Ab dieser Summe braucht er die Genehmigung des Aufsichtsrat. Und was den Trainer angeht: es hat noch nie Sinn gemacht, einen Spieler zu verpflichten, den der Trainer nicht wollte. Das hat aber auch noch kein Vorstand anders gesehen.


18:48:: Woran ist das Experiment Heiko Herrlich gescheitert?

WA: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Heiko Herrlich ungemein viel Ahnung vom Fußball hat und dies auch noch zum Tragen kommt. Ich sehe es so, dass Heiko Herrlich unseren Klassenerhalt zu früh als gesichert angesehen hat und daraufhin zu viele Nebenbaustellen aufgemacht hat. Solange das wesentliche, das sportliche Ziel, nicht erreicht ist, kann ich nicht den Kader neu planen und Strukturen verändern.


18:48: In den bisherigen Transfers und Transferabsichten, auch bei den Abgängen, hat man den Eindruck, dass wieder stärker auf Charaktereigenschaften und Verbundenheit geachtet wird. Nun hat der VfL schon immer etwas Familiäres ausgestrahlt, die Rückkehr von Wosz, Freier und Hashemian ging ja auch in diese Richtung. Gibt es eine Renaissance der VfL-Familie oder ist dies in der heutigen Zeit gar nicht mehr möglich?

WA: Es ist Bestandteil unseres Leitbildes, dass jedem Respekt entgegengebracht wird, egal welche Position er im Verein bekleidet. Und es ist unsere Überzeugung, dass alle an einem Strang ziehen müssen, in der Mannschaft und im Umfeld. Sonst wird es noch schwerer, im bezahlten Fußball zu bleiben. Der Begriff der VfL-Familie entstand glaube ich vor 15 Jahren. Wenn wir uns an unsere Überzeugungen und unser Leitbild halten, ist das glaube ich zeitgemäßer.


18:48: Der direkte Wiederaufstieg kann nur das Ziel sein. Wie sehen die die Chancen und wo lauern die Risiken?

WA: Ich sehe gute Chancen, aufzusteigen. Aber bitte möglichst wirklich direkt, ohne Relegation. Allerdings darf man die zweite Liga nicht unterschätzen. Das obere Drittel der zweiten Liga und das untere der ersten Liga sind zwar finanziell weit auseinander, aber nicht sportlich. Und man muss vernünftig starten. Das war ja nun wirklich nicht unsere Stärke in den letzten Jahren.


18:48: Zum Abschluss dürfen Sie einen Wunsch äußern.

WA: Den Ball flach halten! Auf dem Rasen und auch daneben.


18:48: Sehr geehrter Herr Altegoer, vielen Dank für das Gespräch. Ihnen und dem VfL alles Gute für die kommende Saison.

WA: Das wünsche ich uns Allen.


Bild: VfL Bochum

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