Donnerstag, 22. Juli 2010

Jörg Berger - Meine zwei Halbzeiten

Jörg Bergers Leben hätte fast nur wenige Monate gedauert. Seine Mutter hatte Fahrkarten für die "Wilhelm Gustloff", die Tausende von Flüchtlingen von Gotenhafen über die Ostsee bringen sollte. Sie tauschte die Karten auf Anraten gegen Bahnticket und erreichte so zusammen mit dem drei Monate alten Jörg Leipzig, während die Gustloff zusammen mit über 9.000 Menschen ihr Grab vor der pommerschen Küste fand.

Im Leben von Jörg Berger gab es auch später Entscheidungen von weitreichenden Konsequenzen. Die Flucht als Trainer der DDR-Nachwuchsauswahl bei einem Gastspiel in Jugoslawien war dabei sicherlich die einschneidenste. Berger ließ seinen 8-jährigen Sohn bei der Mutter zurück. In der Bundesrepublik stieg Berger, der bereits das Trikot von DDR-Auswahlmannschaften getragen hat und die Oberligamannschfaten von Jena und Halle trainiert hatte, auf das Trainerkarussell und wechselte fleißig die Vereine. Über Darmstadt, Ulm Düsseldorf und Kassel kam er zu den erfolgreichen Stationen seiner zweiten Karriere in Frankfurt, Köln und Schalke. Die Auslandseinsätze des Feuerwehrmannes in Basel und Bursa waren hingegen weniger glücklich.

Doch die Vergangenheit war stetiger Begleiter im Leben Jörg Bergers. Der lange Arm der Stasi verfolgte und bedrängte ihn auch im Westen. Angriffe auf seine Gesundheit inbegriffen. Dann kam die Wende und für Berger nach Einblick in seine Stasi-Akte die erschütternde Erkenntnis, Freunde verloren zu haben. Nicht minder schicksalhaft, dass ehemalige DDR-Funktionäre auch in der Bundesrepublik schnell wieder oben dabei waren.

Im November 2002 ereilte den Trainer von Alemannia Aachen erstmals die Nachricht einer Krebserkrankung. Kämpferisch wie Berger war, blickte er nach vorne und gab sich nicht geschlagen. Am 23. Juni 2010 besiegte ihn die Krankheit.

Trotz der rund 270 Seiten des Taschenbuches werden viele Stationen des Lebens und Wirkens von Jörg Berger nur angerissen. Viele Themen hätten es verdient gehabt, intensiver behandelt zu werden. Die Einflussnahme der Politik in der DDR auf den Sport, die Aktivitäten der Stasi und die Verstrickungen vieler Menschen mit ihr. Die Trennung vom Sohn, auch aus egoistischen Gründen, und Vergleiche zwischen zwei verschiedenen Fußballphilosophien. So legt man das Buch ein wenig traurig zur Seite, denn man hätte noch mehr erfahren wollen von einem ganz besonderen Menschen auf Deutschlands Trainerbänken.

Thema: +++++
Lesbarkeit: ++++
Orginalität: ++
Kult: ++
Preis: ++++

Jörg Berger - Meine zwei Halbzeiten

Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: rororo; Auflage: 2. (1. Juni 2010)
Sprache: Deutsch
Preis: 8,95 Euro

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