Dienstag, 5. Oktober 2010

Der Pöbel hat gewonnen - Quo vadis VfL ?

Passend zum sportlichen Niedergang haben die Mitglieder des VfL Bochum Werner Altegoer und Teile des Aufsichtsrates gestern erfolgreich zum Rücktritt gedrängt. Der VfL steht damit zunächst einmal vor einer ungewissen Zukunft, denn sollten die angekündigten Rücktritte von Werner Altegoer, Horst Christopeit, Heinz Hossiep, Volker Goldmann und Ged Kirchhoff wirksam werden, hat der VfL satzungsgemäß keinen handlungsfähigen Aufsichtsrat mehr. (Der letzte Satz wurde korrigiert. Zunächst stand hier Vorstand statt Aufsichtsrat. Mein Fehler.)

So war es auch nicht verwunderlich, dass der gestern in den Aufsichtsrat gewählte Frank Goosen sichtlich verunsichert war, ob und wie es denn nun weitergeht.

Der Beginn der Veranstaltung deutet schon Ungemach an. Eine 200 Meter lange Schlange vor dem Eingang führte dazu, dass die Versammlung erst mit 30-minütiger Verspätung beginnen konnte. 669 Mitglieder waren anwesend. Der Raum überfüllt. Die Männer-, Frauen- und Jugendmannschaften wurden wegen Platzmangel wieder nach Hause geschickt. Für mich vollkommen undenkbar, angestellte Mitglieder des Vereines von der JHV auszuschliesßen. Zumal es im Moment besonders wichtig gewesen wäre, wenn die Spieler den Unmut der Mitglieder über die fünf Stunden zu spüren bekommen hätten. Hätte vielleicht mal gut getan.

Insgesamt war die gesamte Durchführung der Versammlung dilettantisch und unprofessionell. Das fing schon damit an, dass Werner Altegoer die Veranstaltung selber leitete. In der angespannten Situation und der bekannten massiven Kritik an seiner Person hätte jemand anderes durch eine kluge Versammlungsleitung viele Konflikte vermeiden können. Werner Altegoer wirkt sodann auch sichtlich angeschlagen. Man musste wirklich Angst um seinen Gesundheitszustand haben. Einen sehr unglücklichen Auftritt lieferte dann auch Christof Wiechmann ab, der Ehrenratsmitglied und für die juristischen Feinheiten zuständig ist. Seine zum Teil falschen Interventionen verschärften die Stimmung noch.

Thomas Ernst brauchte nicht betonen, dass er keine Mischung aus Thomas Gottschalk und Rudi Völler ist. Sein Vortrag blieb blass und rhetorisch dürftig. Es fehlten klare Worte zu Fehlentscheidungen und klare Aussagen zu notwendigen Veränderungen. Ansgar Schwenken hatte leichtes Spiel, konnte er doch eine komplette Entschuldung des Vereines im vergangenen Geschäftsjahr präsentieren. Seine lockeren Sprüche schienen jedoch fehl am Platze. Für diese Saison ist eine Unterdeckung von rund 2,6 Mio. Euro eingeplant.

Der Bericht von Werner Altegoer fand wenig Anklang. Zu festgefahren waren die Meinungen bei den Mitgliedern. Dabei hatte durchaus etwas zu berichten, was viele Grundforderungen der Fans aufgriff: Eine Satzungskommission wurde eingesetzt, in der Mitglieder der Fan-Initiative sind, zusätzliche Arbeitsgruppen zu speziellen Themen unter Einbeziehung der Fans sollen einberufen werden, eine offene Fan-Veranstaltung zur Diskussion aller gewünschten Themen soll im Frühjahr stattfinden, etc. Nicht zuletzt durch den Vorschlag, Frank Goosen in den Aufsichtsrat zu wählen und die Präsentation von zwei hochkarätigen neuen Aufsichtsratsmitgliedern Hans-Peter Villis (52, Vorstandsvorsitzender EnBW) und Bernd Wilmert (58, kfm. Geschäftsführer Stadtwerke Bochum) musste deutlich werden, dass Werner Altegoer durchaus bereit für Veränderungen ist und Vorkehrungen trifft, um bei der nächsten Wahl zum Aufsichtsrat den Platz frei zu machen.

Um es deutlich zu sagen: Der Pöbel aber wollte Krawall um den Krawall willen. Ohne auch nur einen konstruktiven inhaltlichen oder personellen Vorschlag zu haben, sollte Werner Altegoer vergrault werden. Immerhin ein Mann, der den VfL 17 Jahre ehrenamtlich geführt hat.

Als Ventil des Unmutes musste wieder einmal die Entlastung herhalten. Eine Verweigerung der Entlastung sollte nur dann erfolgen, wenn dem Aufsichtsrat (oder dem Vorstand) grobe Pflichtverletzung oder Unfähigkeit zur ordnungsgemäßen Geschäftsführung unterstellt wird. Dafür gab es natürlich keine Anhaltspunkte. Und so darf es nicht verwundern, wenn seriös lebende und arbeitende Geschäftsleute es als Ehrabschneiden empfinden, mit einem solchen Ergebnis konfrontiert zu werden. Der Pöbel rief "kreuzigt ihn" und ihr Blutdurst wurde gestillt.
Die Abstimmungen zur Entlastung von Vorstand und besonders Aufsichtsrat war in allen Belangen ein Desaster. Bei der Abstimmung wurden die Enthaltungen und die Nein-Stimmen gezählt. Die Differenz zur Zahl der Stimmberechtigten wurde dann als Ja-Stimmen gewertet. Hierbei gab es ein Verhältnis von 358 zu 257. Einige Mitglieder forderten lautstark eine konkrete Auszählung und Erfassung der tatsächlichen Ja-Stimmen. Nach dem ebenfalls dilettantischen Vorgehen bei der Diskussion wurde dann neu ausgezählt und 309 Nein-Stimmen standen 230 Ja-Stimmen gegenüber. Daraufhin erklärte Werner Altegoer seinen Rücktritt. Hier hätte Christof Wiechmann frühzeitig, spätestens aber bei der zweiten Abstimmung, deutlich machen müssen, wofür die Entlastung steht und was sie bedeutet.

Eine Peinlichkeit Sondergleichen war noch der Auftritt von Ottokar Wüst, der nur mit seinem betagten Alter zu entschuldigen ist. Das er für seine wirren Ausführungen noch Applaus bekam unterstreicht die Gesamtsituation.

Bei der Wahl für den Wahlausschuss bekam die Fan-Vertreterin Kerstin Kliß die drittmeisten Stimmen und wurde in das Gremium gewählt. Sämtliche Anträge zu Satzungsänderungen (auch die von "Wir sind VfL") wurden als unzulässig erklärt, weil sie den Mitgliedern nicht vor der Versammlung mitgeteilt wurden. Eine weitere Peinlichkeit an diesem Abend.

So ging die Versammlung treffend um kurz vor Zwölf auseinander. Keiner weiß nun so richtig wie es personell weitergeht. Bestenfalls findet sich aus dem Kreis der verbliebenen bzw. neuen Aufsichtsratsmitgliedern jemand, der das Ruder übernimmt, die Veränderungen weiterführt und die Lager eint. Schlimmstenfalls ereilt den VfL das Schicksal anderer Vereine, die führungs- und konzeptionslos vor die Hunde gehen. Ansgar Schwenken dürfte den Verein bald verlassen wollen, Thomas Ernst wird das erste Opfer der neuen Vereinsführung sein müssen. Klar erwähnt werden muss, dass die Vereinsführungen mit ihrem Auftreten gestern gezeigt hat, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Das Vorgehen war ungeschickt, die angestrebten Veränderungen wurden nicht deutlich und glaubwürdig genug vermittelt.

Uns erwartet nun ein neuer VfL Bochum. So oder so. Was gestern ablief, war eine Schande, absolut unwürdig und wird dem Verein noch lange anhängen. Das war provinzielle Schmierenkomödie nach Gelsenkirchener Art. "Der Verein stirbt langsam" sagte ein Mitglied. Gestern starb er ein Stück schneller.

Weitere Links: Fantastic Supporters, Westline, WAZ, VfL, Pottblog

1 Kommentar:

  1. Hallo Marcus,
    endlich mal ein durchdachter Kommentar zur Lage im Verein,(auch im Westline Forum) statt immergleicher "Altegoer raus - PN rein" Tiraden.
    Schöne Grüße aus LEV-Schlebusch

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