Donnerstag, 23. Dezember 2010

Interview mit Thomas Ernst - Teil I

18:48: Hallo Herr Ernst, schön das Sie Zeit haben. – Kurze Frage vorab: Welches sind die Lieblingsvereine Ihrer Kinder?

TE: Da gibt es nur einen: den VfL Bochum.

18:48: Schauen wir einmal zurück. Am 30. September 2000 wurden sie beim VfL Mitte der zweiten Halbzeit für den verletzten Rein van Duijnhoven eingewechselt und hielten Ihren Kasten beim 3:0 gegen Unterhaching sauber. Ihr letzter Einsatz als Torwart beim VfL. Wie verlief Ihr Abschied?

TE: Nach dem letzten Hinrundenspiel ist der damalige Cheftrainer Ralf Zumdick auf mich zugekommen und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, ab der Rückrunde als Standby-Profi in den Trainerstab zu wechseln. Ich sollte dann die Torhüter trainieren und bei Bedarf zwischen die Pfosten zurückkehren. Zu dem Zeitpunkt war ich aber gerade einmal 33 Jahre alt geworden, ein Karriereende schien mir einfach noch zu früh zu sein. Also habe ich im Januar ein Angebot vom VfB Stuttgart angenommen. Dem Verein war ich damals dankbar, dass er mich zu einem direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt ziehen ließ. Der Abschied ist mir nicht leicht gefallen, vor allem die Verabschiedung vor der Mannschaft war sehr emotional.

Ich wollte aber noch ein paar Jahre Fußball spielen. Im Nachhinein war es sicherlich richtig, den Schritt vollzogen zu haben. Immerhin habe ich dann noch fünfeinhalb Jahre zwischen den Pfosten gestanden, wurde unter anderem 2003 Vizemeister mit dem VfB und habe noch ein paar UEFA-Cup-Spiele bestritten.

18:48: Und wie kam es zu Ihrem Comeback als Vorstandsmitglied beim VfL?

TE: Es begann mit einem Telefonanruf von Werner Altegoer. Anschließend fanden mehrere Gespräche mit dem Aufsichtsrat statt, bei denen ich schnell gemerkt habe, dass es eine gute Basis für eine Zusammenarbeit gibt. Zudem sind Bochum und das Ruhrgebiet zu einer Art zweiten Heimat für mich geworden. Ich habe hier fünfeinhalb Jahre als Profi verbracht, es war damals die erste Station außerhalb des Rhein-Main-Gebietes, weg von meinem damaligen Freundeskreis und der Familie. Ich habe mich von Anfang an im Verein und in der Stadt wohlgefühlt. Sportlich eine sehr ereignisreiche Zeit mit zwei Aufstiegen, einen Abstieg und den unvergesslichen UEFA-Cup-Spielen 1997 erlebt. Das verbindet.

18:48: Sie werden oft an Ihrem Vorgänger Stefan Kuntz gemessen. Stört Sie dieser Vergleich?

TE: Vergleiche mit seinen Vorgängern sind normal, „hinken“ aber meistens. Jede Zeit hat ihre eigenen Rahmenbedingungen, so schwankt z. B. die Summe für mögliche Spielertransfers von Jahr zu Jahr deutlich. Vergleiche sind somit schwer anzustellen. Ungeachtet dessen habe ich großen Respekt vor dem, was hier zwischen den Jahren 2006 und 2008, als Stefan Sportvorstand war, geleistet wurde.

18:48: Welche Transfers fallen unter Ihre Verantwortung? Wie bilanzieren Sie Ihre bisherige Transferbilanz?

TE: Alle Transfers seit Diego Klimowicz fallen in meinen Verantwortungsbereich. Und dabei gab es richtige Treffer, aber eben auch den ein oder anderen Spieler, der die Erwartungen nicht im vollen Umfang erfüllt hat. Fakt ist allerdings, dass wir ohne Diegos Tore 2009 abgestiegen wären, dass Milos Maric und Lewis Holtby wesentlich an unserer Erfolgserie zu Beginn der Rückrunde 2009/10 beteiligt waren und dass Björn Kopplin und Chong Tese in dieser Saison große Verstärkungen für uns sind. Darüber hinaus sind wir sehr zuversichtlich, dass Spieler wie Andreas Luthe, Marc Rzatkowski oder Kevin Vogt eine durchaus vielversprechende Perspektive beim VfL haben. Die eigenen Talente zu fördern, war mir von Beginn meiner Arbeit hier beim VfL sehr wichtig.

18:48: Im Sommer 2009 war der Transfer mit Etien Velikonja schon fast perfekt. Im Januar 2010 wurde der Brasilianer Johnny schon als Neuzugang gemeldet. Letztendlich verzichtete der VfL auf beide Transfers. Wie kam es zu dieser Entwicklung und von welchen Prinzipien hat sich der VfL dabei leiten lassen?

TE: Die beiden Personalien sollte man unterschiedlich bewerten. Es ist allerdings richtig, dass wir an beiden Spielern Interesse hatten und dass letztlich eine Preistreiberei einen Transfer verhindert hat. Bei Velikonja gab es eine komplizierte Vertragssituation, bei der der Berater des Spielers den Preis mitbestimmen konnte. Das führte dazu, dass Zahlen abgerufen wurden, bei denen wir den Eindruck hatten, das Preis-Leistungsverhältnis stimmt nicht mehr. Bei Johnny waren wir uns eigentlich mit allen Parteien einig, doch der an uns gesandte Transfervertrag wich von dem ab, was wir vorher mündlich und schriftlich vereinbart hatten. Daraufhin haben wir den Verantwortlichen eine Frist gesetzt und als die verstrichen war, war für uns das Thema erledigt.

18:48: Werden Sie diese Linie auch weiterhin fortfahren?

TE: Natürlich. Zum einen sollte immer das Preis-Leistungsverhältnis stimmen, zum anderen lehnen wir ein Geschäftsgebaren ab, bei dem wir den Eindruck haben, Spieler werden wie Vieh behandelt. Doch das sind natürlich nicht die einzigen Prinzipien.

18:48: Wie sehen die weiteren Prinzipien aus?

TE: Vom ersten Tag als Sportvorstand an habe ich immer wieder betont, dass es mein Ziel ist, die Mannschaft Schritt für Schritt zu verjüngen und eigene Nachwuchsleute einzubinden. Natürlich ist das nur dann möglich, wenn man über eine erstklassige Jugendarbeit verfügt, die Talente so entwickelt, dass sie der Profi-Mannschaft weiterhelfen. In den vergangenen Jahren haben wir allerdings unsere Nachwuchsabteilung ständig sowohl personell als auch infrastrukturell optimiert. Die ersten Früchte dieser Entwicklung konnten wir jetzt ernten. Immerhin haben wir seit Sommer 2009 mit Matthias Ostrzolek insgesamt Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die Bundesliga-Mannschaft hochgezogen.

Darüber hinaus achten wir selbstverständlich darauf, dass unsere Spieler die Attribute verinnerlichen und repräsentieren, die diesen Verein auszeichnen. Neben der Forderung, technisch und taktisch auf hohem Niveau Fußball zu spielen, erwarten wir von ihnen, dass sie leidenschaftlich und kampfbetont zu Werke gehen. Im Ruhrgebiet wird Fußball nun einmal nicht nur gespielt, sondern gelebt. Gute Fußballer werden respektiert, Malocher jedoch verehrt. Sich mit diesen Werten zu identifizieren, fällt Spielern, die in der Jugend zu uns gekommen sind, natürlich einfacher. Nicht zuletzt deshalb ist es sicherlich ein Vorteil, dass wir aktuell zwölf Profis in unserem Kader haben, die schon im Nachwuchsbereich für uns tätig waren. Aber auch ein Philipp Bönig oder ein Chong Tese verkörpern das, was die Fans im rewirpowerSTADION sehen wollen. Diese Typen zu finden ist nicht einfach, aber es ist ein lohnendes Ziel.

18:48: Bereits im Sommer wollte der VfL einige Spieler loswerden, fand jedoch keinen zahlungswilligen Abnehmer. Jetzt sollen in der schwierigen Winter-Transferperiode vier bis sechs Spieler gehen, deren Marktwerte sich nicht gesteigert haben dürften. Wie schätzten Sie die Marktlage ein und welcher Spielraum könnte der VfL dabei für Verstärkungen bekommen?

TE: Auch an dieser Stelle sollten wir differenzieren. Erst einmal haben wir im Vorstand zusammen mit unserem Cheftrainer entschieden, dass wir in der Winterpause Veränderungen im Kader vornehmen werden. Spieler, die sich nicht zu 100 Prozent mit dem Verein und seinen Zielen identifizieren, werden keine Zukunft in dieser Mannschaft haben. Wer also die richtige Mentalität mitbringt, der hat nichts zu befürchten.

Natürlich sind wir daran interessiert, diese Veränderungen in erster Linie durch Transfers zu realisieren. Das ist nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Erwägungen und angesichts des Zuschauerschnitts, der sich aktuell unter den Erwartungen bewegt, dringend notwendig. Sollte dies jedoch nicht gelingen, gibt es auch noch andere Mittel und Wege, die einem Verein zur Verfügung stehen.

Wie die Marktlage einzuschätzen ist, ist momentan schwer zu sagen. Im Sommer war es auf dem Transfermarkt sehr ruhig. Möglicherweise könnte sich jetzt mehr tun. Und wenn Vereine wie der FC Bayern München oder andere Topclubs Bewegung in den Markt bringen, dann setzt ein Domino-Effekt ein, der nahezu alle Vereine tangiert. Wichtig wird sein, Geduld zu haben und sich nicht verrückt machen zu lassen. Zudem gibt es für den einen oder anderen Spieler einen internationalen Markt in den Ländern, in denen die Spieler schon mal tätig waren. Dies zeigt das Beispiel Maric.

18:48: Wie sieht es mit Christian Fuchs und Stanislav Sestak aus, die ja nur ausgeliehen sind?

TE: Es gibt keinen neuen Stand. Die Mainzer hatten zwar Interesse geäußert, eine vertraglich vereinbarte Kaufoption früher zu ziehen, weil wir jedoch mit dem Preis nicht runtergegangen sind, wurden die Gespräche nicht zum Abschluss geführt.

18:48: Wen sehen Sie im aktuellen Kader noch als Leitwolf und als Leistungsträger?

TE: Auch wenn wir in der Tabelle noch nicht dort stehen, wo wir uns selbst sehen und was dem Leistungsvermögen der Mannschaft entspricht, gab es zuletzt durchaus Spieler, die bis auf wenige Ausnahmen ihre Leistung gebracht haben. Ich denke da in erster Linie an Christoph Dabrowski, der als Kapitän immer vorneweg marschiert und seine Teamkollegen pausenlos antreibt. Slawo Freier ist zwar kein Lautsprecher, doch auch er geht auf dem Platz stets mit gutem Beispiel voran. Nicht zu vergessen: Chong Tese ist unbestritten ein Leistungsträger für uns.

Auf der anderen Seite ist es sicherlich auffällig, dass noch mehr Spieler Verantwortung für das große Ganze übernehmen sollten. In diesem Zusammenhang setzte ich große Erwartungen in Philipp Bönig, der als Typ in der Kabine unheimlich wichtig ist, der Mannschaft durch seine Verletzung jedoch in den vergangenen Wochen nicht auf dem Rasen helfen konnte. Sollten er, Dabro und Slawo in der Rückrunde in ihrem Selbstverständnis Mitstreiter finden, werden wir wieder einen Fußball im Stadion sehen, mit dem wir uns identifizieren können.

18:48: Welcher junge Spieler hat das Zeug zum Stammspieler?

TE: Marc Rzatkowski und Kevin Vogt sind aktuell sicherlich am nächsten dran. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Andreas Luthe gerade einmal 23 und Björn Kopplin 21 Jahre alt ist. Beide sind momentan sicherlich Stammspieler.

18:48: Und wer hat in dieser Saison besonders enttäuscht?

TE: Enttäuscht hat mich in erster Linie, dass die Mannschaft viel zu selten als echte Gemeinschaft aufgetreten ist. Und uns ist es nicht gelungen, konstant gute Leistungen zu bringen. Die Schwankungen waren zu groß.

18:48: Mimoun Azaouagh ist vor der Saison wegen mangelnder Einstellung in die zweite Mannschaft verbannt worden. Jetzt wurde er begnadigt. Warum?

TE: Mimoun Azaouagh hat in der Sommerpause nicht nur via Medien verkündet, dass das Kapitel VfL Bochum für ihn beendet ist. Daraufhin haben wir ihn nicht mehr als Teil der Profimannschaft gesehen. In der Regionalligamannschaft hingegen hat er sich sehr gut eingebracht und macht mittlerweile einen ganz anderen Eindruck auf uns. Dieser Anschein hat sich in den Gesprächen, die Friedhelm Funkel und ich in den letzten Tagen mit ihm geführt haben, bestätigt. Aza hatte im Sommer einen absoluten Tiefpunkt, ist im letzen halben Jahr aber wieder aufgestanden und hat auch mit seinem Engagement bei der U23 gezeigt, dass er wieder bereit ist, für den VfL alles zu geben.

18:48: Unter Ihnen gab es beim VfL fünf verschiedene Trainer. Keiner war wirklich erfolgreich. Was liegt hier im Argen?

TE: In meiner Amtszeit wurden zwei Cheftrainer verpflichtet: Heiko Herrlich und Friedhelm Funkel. Die Gründe für die Verpflichtung von Heiko Herrlich habe ich schon oft genannt: Er verkörperte einen motivierten und unverbrauchten Trainer mit viel Fußballfachwissen und motivierendem Elan, der die Verjüngung der Mannschaft mit deutschen Talenten vorantreiben wollte. Die acht Spiele ohne Niederlage im Winter 2009/10 schienen uns in unserer Annahme zu bestätigen, es folgte jedoch eine Misserfolgsserie, die nicht nur zum Abstieg führte, sondern auch noch einmal aufzeigte, was einen kompletten Trainer ausmacht. Nur der richtige Mix aus fachlicher Kompetenz und guter Menschenführung führt zum Erfolg. Nur wenn ein Trainer Empathie und Stressresistenz besitzt, wird die Mannschaft ihm folgen. Dass Friedhelm Funkel diese Balance beherrscht, hat er schon oft bewiesen. Er kann Mannschaften formen und entwickeln. Er versteht es, mit Druck umzugehen und dabei immer authentisch zu bleiben. Dabei scheut er keine Konfrontation mit den Spielern, ist hart in der Sache, aber immer fair im Umgang. So ist es ihm fünfmal gelungen, eine Mannschaft aus der 2. Liga in die Bundesliga zu führen. Und weil er darüber hinaus den eingeschlagenen Weg des Vereins mitträgt – und zwar verstärkt auf junge, im Idealfall deutschsprachige Spieler zu setzen – ist er jetzt genau der richtige Trainer für den VfL.

18:48: Gibt es noch Kontakt zu Heiko Herrlich? Was macht er im Moment?

TE: Es gibt keinen direkten Kontakt, daher weiß ich nicht, was er aktuell macht.


Teil 2 folgt am 26.12.2010

Bild: Thomas Ernst im Gespräch mit Marcus vom Blog 18:48

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