Sonntag, 26. Dezember 2010

Interview mit Thomas Ernst - Teil II

18:48: Wie sind Sichtungen und Transfers beim VfL organisiert? Wie kommen Transfers zustande?

TE: Unsere Personalplanung basiert im Wesentlichen auf drei Säulen. An erster Stelle ist hier das permanente Sichten zu nennen. Wir haben drei hauptamtliche und zirka zehn Scouts, die für uns auf Honorarbasis arbeiten. Die beobachten kontinuierlich verschiedene Ligen. Wir sichten aktuell in erster Linie in der 1. und 2. Bundesliga, der 3. Liga, der Regionalliga, den A-Junioren-Bundesligen und im benachbarten Ausland. So füllt sich sukzessive unsere Datenbank.

Dazu kommt das Beobachten auf Empfehlung. Nicht selten werden uns Spieler von Beratern angeboten, oder wir bekommen Tipps von Manager-Kollegen, befreundeten Trainern oder anderen Kontakten. In der Regel besorgen wir uns dann Bildmaterial. Wenn aufgrund dieser ersten Erkenntnisse ein Spieler immer noch interessant für uns ist, wird er live vor Ort beobachtet.

Dazu kommt natürlich noch der Input des Cheftrainers. All diese Komponenten beeinflussen das Zustandekommen von Kandidatenlisten.

Für unser Scouting arbeiten wir genau wie Borussia Dortmund oder auch die TSG 1899 Hoffenheim mit der englischen Firma Scout7 zusammen. Sie haben uns eine Datenbank entwickelt, die auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten wurde. Dort können wir Berichte und Beurteilungen sowie Bildmaterial ablegen. Zudem haben wir mit dem Programm die Möglichkeit, Mitschnitte von Spielen auf der ganzen Welt zu bekommen.

Grundsätzlich wollen wir natürlich stets unseren Kader optimieren. Dabei hat dann je nach Entwicklung die eine oder andere Position Priorität. Das hängt nicht zuletzt davon ab, was der eigene Nachwuchsbereich anzubieten hat. Selbstverständlich suchen wir vorrangig junge, entwicklungsfähige Spieler, die möglichst Deutsch sprechen und von denen wir überzeugt sind, dass Sie uns sportlich weiterhelfen. Darüber hinaus kommt der Persönlichkeit der Kandidaten eine große Bedeutung zu. Was nützt es uns, wenn der Spieler technisch und taktisch sehr gut ausgebildet ist, aber nicht die richtige Einstellung zu seinem Beruf oder auch dem Fußball aufweist, den wir hier beim VfL sehen wollen? Beispielsweise wollen wir mit hohem Laufaufwand Fußball spielen. Die Mannschaft sollte hoch stehen und den Gegner permanent unter Druck setzen. Nicht zu vergessen: Im Ruhrgebiet erkämpft man sich Erfolge nun einmal traditionell gemeinsam. All das sind Überlegungen, die bei unserer Kaderplanung eine Rolle spielen.

18:48 Woran können Transfers scheitern?

TE: In diesem Zusammenhang unterliegen wir den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie die Mehrzahl der anderen Bundesligisten. Geld kann eine Rolle spielen, eine bessere sportliche Perspektive, ein persönlicher Bezug zum Verein oder handelnden Personen wie z.B. dem Cheftrainer. Das kann vielschichtige Gründe haben.

18:48: Ist der VfL für Spieler noch eine interessante Adresse?

TE: Wir haben zehn Spieler in der Sommerpause verpflichtet. Selbstverständlich ist der VfL Bochum 1848 eine gute Adresse. Hier wird sehr professionell gearbeitet, die Infrastruktur stimmt, eine sportliche Perspektive ist da. Die Wahrnehmung dieses Vereins in Deutschland und über unsere Landesgrenzen hinaus ist positiv.

18:48: Kommen wir zum Leitbild des VfL. Hat sich im Verhalten bei Angestellten, Spielern oder Zuschauern etwas geändert? Kriegt ein Spieler, bevor er beim VfL unterschreibt das Leitbild vorgelegt und muss sich dazu bekennen oder ist es vielfach auch nur eine gut zu vermarktende, aber wenig beachtete Broschüre?

TE: Mein Vorstandskollege Ansgar Schwenken sagt immer, dass unser Leitbild das höchste strategische Gut des Vereins ist. Es diene der Schärfung der Marke VfL Bochum 1848 nach außen und als Handlungsrahmen nach innen. Ich kann diese Worte dick unterstreichen. Das Bild, das ich von diesem Verein als Spieler bekommen habe, wird im Leitbild sehr treffend festgehalten. Als ich zum ersten Mal den Text gelesen habe, habe ich nach nahezu jedem Satz innerlich genickt.

Natürlich bekommen unsere Spieler die Broschüre in die Hand gedrückt und auch den Leitbild-Film gezeigt. Zudem haben wir das Leitbild mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzen lassen, so dass auch Neuzugänge aus dem Ausland vom ersten Moment an vermittelt bekommen, was diesen Verein ausmacht und auszeichnet. Nicht zu vergessen: Im Nachwuchsbereich haben wir einen Verhaltenskodex für Spieler und Eltern festgelegt, der sich an den Werten unseres Leitbildes orientiert.

18:48: Auch während und nach den zuletzt erfolgreichen Spielen forderten einige Zuschauer wieder Ihre Entlassung. Diese Stimmung ist nicht neu sondern existiert, mal stärker, mal schwächer, seit gut einem Jahr. Wie gehen Sie damit um?

TE: So ganz kann ich Ihre Einschätzung nicht teilen. Als wir Ende Februar 2010 zehn Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hatten, wurde die Entscheidung für Heiko Herrlich als Cheftrainer von nahezu allen Seiten gelobt. Auch vor dem Saisonstart haben wir für unsere Transferpolitik viel positive Resonanz erfahren. Dass man sich angesichts des Abstiegs und der durchwachsenen Hinrunde als sportlich Verantwortlicher jedoch harter Kritik gefallen lassen muss, das ist völlig normal. Dafür habe ich Verständnis. Mein Anspruch ist es, mich mit Kritik sachlich auseinanderzusetzen und mich Diskussionen zu stellen.

18:48: Marcel Kollers Entlassung wurde von Fans sehr energisch gefordert, ähnlich Heiko Herrlich. Werner Altegoer und der Aufsichtsrat wurden nicht entlastet und zogen daraus die Konsequenzen. Auch in Köln und Rostock rebellierten die Mitglieder auf den Jahreshauptversammlungen und verweigerten die Entlastung. Der 1.FC Köln hat Manager Meier nach massiver Kritik der Fans entlassen. Kann man daraus ablesen, dass der Fan und die Mitglieder mächtiger geworden sind und ihre Rechte stärker nutzen? Müssen die Vereine sich auf diese Veränderungen anders einstellen?

TE: Um diese Frage zu beantworten, muss man sich den gesamtgesellschaftlichen Kontext anschauen, der nun einmal auch Auswirkungen auf den Fußball aufweist. Stuttgart 21 oder die Castor-Transporte sind Beispiele dafür, dass die Menschen mitdiskutieren, in Entscheidungen mit einbezogen werden wollen. Zudem schauen Sie sich doch an, wie sich die Mediennutzungsgewohnheiten durch das Internet und Web 2.0 verändert haben. Der moderne, aufgeklärte Bürger will nicht mehr nur noch unterhalten und informiert werden, er möchte Nachrichten selbst produzieren. Man postet Nachrichten bei Facebook, tauscht sich in Internetforen aus oder schreibt wie Sie einen Internet-Blog. Die Grenzen zwischen Nachrichtenproduzenten und -nutzern verschwimmen und damit auch die Anspruchshaltung.

Darauf müssen wir uns als Verein natürlich einstellen… und haben das auch schon getan. Es gehört zu unserem Selbstverständnis, dass Ansgar Schwenken und ich bei jeder Fanclubvertreter-Versammlung anwesend sind, dass mindestens einer von uns bei den Fiege-Fanabenden zugegen ist, dass wir nahezu jede an uns persönlich gerichtete E-Mail, die einen sachlichen Ton aufweist, beantworten oder wir grundsätzlich den Einladungen von Fan-Clubs gerecht werden wollen. Ganz zu schweigen von den vielen Informationen, die wir über die Vereinsmedien verbreiten, um unser Wirken transparent zu machen. Es ist ein zentrales Anliegen von uns, Fans, Mitglieder und Partner auf unserem Weg mitzunehmen. Wir sind immer für Anregungen offen und im Rahmen unserer Möglichkeiten für jedes ernst gemeinte Gespräch zu haben.

18:48: Wie sehr verfolgen Sie die Diskussionen im Internet und den verschiedenen Foren bzw. Blogs?

TE: In erster Linie werde ich durch unsere Presseabteilung und die Fanbetreuung auf dem Laufenden gehalten. Ab und zu schaue ich natürlich auch mal rein. Wenn man Polemik und Eitelkeiten einiger User ausblendet, kann man sich durchaus Anregungen aus den Diskussionen herausziehen. Ein Stimmungsbild ist das allemal, auch wenn man darüber streiten kann, wie repräsentativ es ist.

18:48: Gerade beim Thema Ansprüche des VfL hat man nach meiner Einschätzung lange Zeit an den Fans vorbei gesprochen. Gibt es dazu eine neue und klare Aussage, welchen Anspruch der VfL haben darf und kann?

TE: Wir haben uns doch im Sommer mit dem Wiederaufstiegszertifikat klar positioniert. Es ist unser Anspruch, wirtschaftlich und sportlich dauerhaft erstklassig zu sein. Darüber hinaus besteht Einigkeit darin, wie wir uns das Auftreten der Mannschaft wünschen. Wir wollen Spieler mit Herz und Leidenschaft auf dem Platz sehen. Ein echtes Team, das an sich glaubt, das für einander kämpft und mitreißenden Fußball spielt. Und das am besten mit Talenten aus den eigenen Reihen. Mit Jungs wie Kevin Vogt, Marc Rzatkowski oder Matthias Ostrzolek, die aus Bochum kommen und für den der VfL mehr als ein Arbeitgeber ist.

18:48: Die Zuschauer in Bochum freuen sich, dass wieder junge Spieler aus dem eigenen Stall auf dem Platz stehen. Kann man daraus ableiten, dass der VfL wieder lieber und verstärkt auf diese Spieler baut als, überspitzt formuliert, fertige Spieler aus der zweiten Reihe süd-osteuropäischer Mittelfeldclubs holt?

TE: Seit meinem ersten Tag beim VfL habe ich immer wieder betont, wie wichtig mir die Nachwuchsarbeit ist. In den vergangenen zwei Jahren haben wir sehr viele Dinge vorangetrieben. Wir haben die Abteilung personell aufgestockt und infrastrukturell verbessert. Die Trainer werden fortwährend geschult, Elemente der Qualitätssicherung und Weiterentwicklung greifen immer besser. Dass wir in dieser und der letzten Saison mit Matthias Ostrzolek insgesamt neun Nachwuchsspieler hochgezogen haben, zeigt doch deutlich, dass die Türe offen steht. Und die ersten Talente sind auch schon hindurchgegangen. Daran wollen wir weiter arbeiten.

18:48: Auch wenn es vielen nicht mehr hören wollen. Zwischen Schalke und Dortmund ist nicht viel Platz sich groß zu präsentieren. Sponsoren, bekannte Persönlichkeiten und die Medien machen einen großen Bogen um die Stadt und den Verein. Besteht Hoffnung auf Besserung oder müssen wir uns in dieser Nische einrichten?

TE: Ich bin der Ansicht, dass der VfL ein toller Verein ist, der sich hinter Branchengrößen wie den Schwarz-Gelben oder den Königsblauen nicht verstecken muss. So wie wir im Nachwuchsbereich eigene Wege gehen, tun wir das in allen anderen Abteilungen auch. Dabei verfolgen wir die Devise, nicht das zu kopieren, was andere tun, sondern unserem Selbstverständnis nach zu handeln. In diesem Zusammenhang haben wir mit dem Leitbild einen wesentlichen Schritt getan. Nun ist es unsere Aufgabe, die von uns selbst definierten Werte auch dauerhaft mit Leben zu füllen. Und dabei sind wir alle angesprochen: Fans, Mitglieder, Mitarbeiter, Spieler und Partner.

18:48: Wie gestaltet sich die Suche nach einem neuen Hauptsponsor für 2011/2012?

TE: In den zurückliegenden anderthalb Jahren hat sich eine tolle Partnerschaft mit Netto entwickelt. Gerade nach dem Abstieg haben wir erfahren dürfen, wie gefestigt diese Verbindung nach der kurzen Zeit bereits ist. Den wahren Wert einer Partnerschaft erkennt man eben gerade dann, wenn es mal nicht so gut läuft. Mit diesem positiven Stimmungsbild gehen wir in die ersten Gespräche mit Netto in Bezug auf die weitere Zusammenarbeit.

18:48: Auch nach der Mitgliederversammlung vom 20. Dezember ist zu erwarten, dass vom neuen Aufsichtsrat personelle Veränderungen in der Vereinsführung gefordert werden. Der Aufsichtsrat wird sich in jedem Fall mit diesem Thema beschäftigen müssen. Wie kämpferisch sind Sie und wie wollen Sie den Aufsichtsrat und die Zuschauer überzeugen, bzw. für sich gewinnen.

TE: Als Vorstandsmitglied kann man die verschiedenen Anspruchsgruppen in erster Linie durch qualitativ gute Arbeit überzeugen. Darüber hinaus bewerten die Mitglieder des Aufsichtsrates die Ideen und Konzepte, die man ihnen vorstellt. Diese Entscheidungsgrundlagen kann ich beeinflussen, ihnen gilt mein Hauptaugenmerk. Zudem bin ich schon immer ein beharrlicher Kämpfer gewesen. Ich werde mit viel Herzblut alles dafür tun, damit dieser Verein wieder dauerhaft erstklassig ist.

18:48: Gibt es beim VfL eigentlich ein abgestimmtes Konzept für die sportliche Entwicklung? Wer gibt die Richtung vor und wie läuft die Abstimmung mit den Nachwuchsmannschaften?

TE: Es gibt eine Philosophie, wie wir uns den Fußball vorstellen, den unsere Mannschaften spielen sollen. Es geht dabei weniger um das konkrete taktische System – ob nun 4-3-2-1 oder 4-4-2, sondern vielmehr um Prinzipien wie der Vorgabe, hoch zu stehen und aggressiv gegen den Ball zu attackieren. Wobei ich an dieser Stelle betonen möchte, dass dies kein statisches Manifest ist, sondern ein dynamischer Prozess, der ständig auf den Prüfstand gestellt sind. Solche Vorgaben sind natürlich im Nachwuchsbereich leichter umzusetzen als in der Bundesliga, wo auch taktische Winkelzüge eines Trainers mitunter zum Erfolg führen. Diese Freiheit braucht ein Profitrainer nun mal auch.

Zudem muss jeder akzeptieren, dass beim VfL der Einbau von eigenen Nachwuchsspielern in die erste Mannschaft mehr als eine PR-Maßnahme oder ein Wirtschaftsmodell ist. Das sind alles Merkmale, nach denen wir natürlich auch unseren Cheftrainer aussuchen.

18:48: Welche Rolle soll der Frauenfußball beim VfL zukünftig spielen?

TE: Erst einmal sind wir froh, dass die Integration der Fußball spielenden Frauen und Mädchen so gut geklappt hat. Dafür gilt vor allem unserer Nachwuchsabteilung um Koordinator Frank Heinemann ein dickes Lob. Mit der entstandenen Organisationsstruktur haben wir nun die Möglichkeit im VfL, leistungsorientierten Frauenfußball anzubieten. Dazu gehört natürlich auch, dass die Teams in möglichst hochklassigen Ligen vertreten sind. Zugpferd dieser Entwicklung ist selbstredend die erste Frauenmannschaft, die mit Trainer Roger Dorny auf einem guten Weg ist, in die 2. Bundesliga aufzusteigen. Sollte dies gelingen und zudem nach der erfolgreichen U20-WM auch die Frauen-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr dem Frauenfußball einen weiteren Schub geben, dann bin ich zuversichtlich, dass Bochum zu einem sehr guten Standort in Deutschland werden kann. Das Potenzial ist vorhanden.

18:48: Herr Ernst, abschließend die offene Frage: Wo sehen Sie Ihre Stärken, was sind Ihre Erfolge beim VfL und was sind die Ziele für die nächsten 1 ½ Jahre?

TE: Stärken und Schwächen gehören zu den Dingen, die andere beurteilen sollten. Ich definiere mich lieber als Teamplayer, der gerne Verantwortung übernimmt und seinen Teil zur positiven Entwicklung des Vereins beitragen möchte. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Veränderungen im Nachwuchsbereich und die strukturellen Modifikationen, die wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren auf den Weg gebracht haben, dem VfL von Nutzen sein werden. In Bezug auf die Lizenzspielermannschaft ist es mein Ziel, das Team weiter so umzubauen, dass es dem Selbstbild des VfL wieder gerecht wird. Die Menschen in dieser Stadt und darüber hinaus sollen sich wieder mehr mit dem VfL identifizieren können. Ich will den Verein dort hinführen, wo er vom Selbstverständnis nach hingehört: Wir wollen dauerhaft in der 1. Bundesliga spielen.

18:48: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen eine erfolgreiche Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und beruflich und persönlich alles Gute für 2011.

Bild: Diese Torwarthandschuhe hat Thomas Ernst als Torwart des VfB Stuttgart beim Hallenturnier in Schwerin am 5.1.2002 Marcus von 18:48 geschenkt.

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