Dienstag, 18. Oktober 2011

Falsch und richtig

Manchmal stelle ich mir die Frage, ob es eigentlich Vereine gibt, die es einfach nur richtig machen. Mir schwirren immer wieder Journalistenaussagen, Foreneinträge und Kommentare aus dem Stadion im Kopf herum, bei denen es darum geht, dass bei Verein x ja alles super ist und Verein y aus den bescheidenen Mitteln mehr als das Optimum herausgeholt hat. Über den VfL sprach man zuletzt 2003 so. Damals tanzte in Bochum nicht nur der Trainer. Danach ging es bekanntlich, mit kurzen Unterbrechungen, allerdings immer mehr bergab. Heute ist nicht mehr viel übrig geblieben von dem Unabsteigbaren, dem Immer-Direkt-Wiederaufsteigen und dem Unbeugsamen. Der VfL ist Zweitligamittelmaß und er hat auf dem Weg dorthin in den letzten Jahren vieles von dem kaputt gemacht, was er in 100 Jahren Fußball an der Castroper Straße mühsam aufgebaut hat. Bochum ist auf der deutschen Fußballlandkarte kleiner und blasser geworden. Das ist traurig und schmerzhaft, aber letztendlich ist es nichts anderes als fast unweigerliche Lauf der Dinge für einen Verein dieser Struktur und Größenordnung sowie unter den geographischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ein Blick in die Runde der Mitkonkurrenten lässt erkennen, dass andere Clubs ein ähnliches Schicksal ereilt hat und sie ebenfalls nicht geschafft haben, aus ihren kurzfristigen Erfolgen und ihren gegenüber dem VfL zum Teil überragenden besseren Möglichkeiten über einen längeren Zeitraum hinaus einen Schub zu erfahren und sich dauerhaft eine besser zu stellen und dort zu etablieren.
Beispiele:
Fortuna Düsseldorf. Der Verein aus der Landeshauptstadt war Ende der 70er zweimal Pokalsieger und mehrfacher Europapokalteilnehmer, 1979 sogar -finalist. Ab Ende des letzten Jahrhunderts verschwand die Fortuna dann gut zehn Jahre von der Bildfläche in Richtung Regional- und Oberliga. Im dritten Zweitligajahr ist Düsseldorf momentan wieder im Höhenrausch und alle erwarten die Rückkehr ins Oberhaus.

Hertha BSC Berlin: Verein aus der Bundeshauptstadt mit 3,5 Mio. Einwohnern, einem fast geschenkten Stadion und einem Staatsunternehmen als Hauptsponsor. 1999/2000 noch in der CL sowie danach mehrfach in Europa League unterwegs. Nach Platz 4 folgte in der vorletzten Saison der Abstieg. Allerdings auch der souveräne Wiederaufstieg.

1.FC Kaiserslautern: Verein des Landes Rheinland-Pfalz. Prinzipiell schon zig Mal Pleite gewesen und immer wieder politisch gerettet worden. Deutscher Meister 90/91 und 97/98. Abstieg 2006 und dann vier Jahre Zweite Liga. 2008 dort kurz vor dem Abstieg. Erst 2010 gelang der Wiederaufstieg in die 1. Liga.

Eintracht Frankfurt: Verein neben der DFB-Zentrale aus Deutschlands Bankenmetropole. Wundersamer Klassenerhalt 1999, trotzdem viermal abgestiegen und sechs Jahre in der Zweiten Liga gespielt. Mehrfacher Pokalfinalist und UEFA-Cup-Teilnehmer. Letzte Hinrunde noch von Europa geträumt spielt die Eintracht in diesem Jahr das Lokalderby gegen FSV.

1860 München: Um die Jahrhundertwende spielten die Löwen häufig um die internationalen Plätze mit. Qualifizierten sich für den UI-Cup, den UEFA-Cup und standen sogar in der CL-Qualifikation. Danach ging es sportlich und finanziell derart bergab, dass sogar der verhasste FC Bayern und ein jordanischer Investor zu Rettung einspringen mussten. Im Moment sind die 60er Zweitligamittelmaß.

Diese ausgewählten Beispiele unter vielen sollten deutlich machen, dass Erfolg, Geld und Tradition nicht genügen, um eine Garantie dafür zu haben, dass alles so bleibt oder gar noch besser wird. Diese Erfahrungen (nur mit weniger Tradition) mussten sogar Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim erfahren. Vielleicht ist aber sogar das Gegenteil der Fall: Euphorie begünstigt Übermut. Wer abhebt erleidet schnell eine Bruchlandung. Das ist nicht nur auf dem Platz so. Wenn wir uns noch gruseligere Geschichten zu Gemüte führen wollen, dann werfen wir Blicke nach Aachen (Pokalfinalist und Europapokalteilnehmer) und Bielefeld, die sich mit Wetten auf die sportliche Zukunft zwanghaft etablieren wollten und mit Stadionneubauten nahe an den Ruin getrieben wurden. Von den Altfällen Rot-Weiss Essen, Waldhof Mannheim, ebenso ganz zu schweigen, wie über unsere beiden Nachbarn, die ebenfalls finanziell praktisch erledigt waren.

Auch die Teams, die wir und alle anderen in den letzten zwei Jahren als vorbildlich tituliert hatten, sind nun wieder dort angekommen, wo sie so schnell nicht wieder hinwollten. Aufsteiger Augsburg mit dem ersten Bundesligasieg erst nach neun Spieltagen. Der ewige sympathische SC Freiburg trotz Stürmerstar Cisse auf einem Abstiegsplatz und der letztjährige Überflieger Mainz mit nur zwei Punkten aus den letzten sieben Spielen, nachdem das Abenteuer Europa in der rumänischen Provinz frühzeitig beendet wurde. Haben sie etwas Entscheidendes falsch gemacht? Die Konsequenz von Erfolgen kleinerer Vereine ist, dass ihnen die Erfolgsgaranten, Spieler und neuerdings auch Trainer, weggekauft werden. Diese Regel kennen wir aus Bochum all zu gut. Und ebenso, dass die Nachfolgetransfers nicht immer gute Treffer sein müssen, die den Verlust auffangen.

Die SpVgg Greuther Fürth steht auch deshalb so gut dar, weil sie und das Umfeld nach keinem der vielen verpassten Aufstiege gemeint hat, sie müsse dies nun mit Stars und Schulden erzwingen. Auch der SC Freiburg und St. Pauli zeichnen sich durch ein vernünftiges wirtschaftliches Handeln aus, welches die Zukunft des Vereines nicht gefährdet. Das ist zum Glück auch beim VfL seit vielen Jahren oberstes Gebot. In Bochum wurden aber auch Personen kritisiert, weil sie (vielleicht nicht ganz glücklich) die Meinung vertreten hatten, dass es beim VfL prinzipiell jedes Jahr nur um den Klassenerhalt gehen kann. Wahrscheinlich hatten diese Personen aber nicht Unrecht.

Wir sollten die momentane Durststrecke des VfL daher nicht zur Schuldzuweisung und Selbstzerfleischung vergeuden und uns über die Ursachen etwas in die Tasche lügen. Vielmehr sollten wir zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme und möglicherweise zu einer Neujustierung unseres Koordinatensystems kommen.

Nachdem wir es am Freitag verpasst haben, den Abstand zum Relegationsplatz auf neun Punkte zu verringern, können der VfL und seine Anhänger nun bei 15 Punkten Rückstand die Planungsperiode um 12 Monate verlängern. Das bietet die Chance, sich wieder zu finden und neu aufzustellen. Die Zuschauer haben zuletzt mehrfach gezeigt, dass sie sich nicht vom Verein abkehren, wenn die Perspektive und das Auftreten stimmen. Die Zukunft von altgedienten Spielern (Freier, Dabrowski, Maltritz) sollte dabei ebenso neu gedacht werden, wie beispielsweise auch ein Tese-Transfer in der Winterpause, wenn dieser tatsächlich immer noch eine siebenstellige Einnahme bedeuten würde. Geld, das wir dringend benötigen werden.

Es wäre schön, wenn sich Vereinsführung und Mitglieder schon auf der heutigen Mitgliederversammlung zu den eingeleiteten Reformen (Einbindung der Mitglieder und Fans, eigener Nachwuchs,…) und realistischen mittelfristigen Zielen bekennen. Diese neu zu definieren könnte auch ein Thema für eine neue Fan-Konferenz sein. Wenn wir alle mit der Situation richtig umgehen, dann kann auch diese Saison noch eine erfolgreiche werden, die in späterer Betrachtung vielleicht mal einen Wendepunkt zum Besseren markieren wird.

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