Dienstag, 26. Juni 2012

Stadionatmosphäre



Iren haben Herz
(www.tagesanzeiger.ch)
Während sich der VfL so langsam an  die neue Saison herantastet, die Kaderplanung langsam aber sicher abgeschlossen wird, die ersten Testspiele gewonnen wurden, Heidenheim als Pokalgegner feststeht  und auch der Spielplan veröffentlicht wird (und damit die Saisonvorbereitung für die Fans auch beginnen kann), wird in Polen und der Ukraine das Sommerloch überbrückt und der Europameister ausgespielt. 


So langweilig bzw. berechenbar die EM bisher war (Ausnahme Niederlande und Russland), zumindest  einen Höhepunkt außerhalb der deutschen Spiele hatte sie parat, der von allen Zuschauern gleichermaßen gewürdigt wurde. Egal ob Groundhopper vor Ort oder desinteressierte Rudel-Guckerin daheim, egal ob eingefleischter Allesfahrer oder Sky-Konferenz-Fachmann. Die letzten Minuten des Spiels Spanien – Irland haben  mehr über die Liebe von Fans zu einer Fußballmannschafft erklärt, als es die zahlreichen Fußballbücher und Reportersprüche zusammengenommen vermögen.
„Fields of Athenry“, irischen Volkslied  gesungen aus tausenden biergeölten und leidenschaftlichen irischen Kehlen ließ alle verstummen. 
Die irische Mannschaft bot trotz Unterlegenheit eine respektable Vorstellung, die vor allem durch die Umschreibung „mit viel Herzblut“ gekennzeichnet wurde. Die Spieler auf dem Platz schienen in ihrem Kampf sagen zu wollen „Seht her, wir haben es zur Endrunde geschafft und ihr seid alle gekommen um uns zu sehen, zu unterstützen und zu feiern. Dafür bedanken wir uns und werden die 90 Minuten nicht weniger geben als ihr, nämlich alles. Wir gehören zusammen, wir sind ein Team.“

Fast schon beschämt muss man da zur Seite hören, wenn die deutschen Fans ihr Liedgut im Stadion anstimmen. Das „Sieg“ stört mich wegen der langweiligen und eindimensionalen Ausrichtung. Zumindest beherrschen aber 95% den Text.  Das Absingen der dritten Strophe des Deutschlandliedes resultiert wohl aus einem Versuch, es denn englischen Fans gleichzutun. Allerdings klingt „God save the Queen“ von 10.000 Fußballfans gesungen viel schöner als blüüüüüh im Glaaaaaanzeee. Außerdem dürfte es dasjenige Drittel der deutschen Spieler nicht sonderlichen motivieren, welches bei  der Hymne eh nicht mitsingen will. Was bleibt den deutschen Fans also als Alternative? Es gibt ja viele schöne Lieder, bei denen man mal ausprobieren könnte, ob sie textlich und melodisch den Ansprüchen eines Nationalmannschaft-Fansgesanges genügen. „Wenn die bunten Fahnen wehen“ klingt hüsch und könnte durch Fahnenschwenken bzw. Schal hochhalten noch unterstrichen werden könnte. Die alte DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ ist zumindest reizvoll wenn es darum geht ein Spiel zu drehen und  „Deutschland ist...“ von Gunter Gabriel müsste wohl leicht umgedichtet werden. Ein paar wenige Mal gab es passende Lieder zu großen Turnieren. Nein nicht Michael Schanze mit „Ole Espana“ und auch nicht Udo Jürgens „Buenos DiasArgentina“. Eher schon „Das große Spiel“ von Freddy Quinn, welches  1974 vor dem WM-Finale sehr anrührend klang (schwärmt meine Oma heute noch von). Auch „Mexiko“ von den Böhsen Onkelz hätte das Zeug zum Stadionhit gehabt. Allerdings war das 1986 weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.

Ein so gewaltiger Gesang wäre im Gegensatz zu Pyrotechnik wirklich für die Bezeichnung „Stadionatmosphäre“ geeignet, zumal hier alle vorbehaltlos dabei sein und mit genießen können.
Es wäre wünschenswert,  wenn wir uns aus der Pyro-Sackgasse endlich zurückziehen. Denn neben immer höheren Strafen gibt es nun erwartungsgemäß auch immer mehr Nachahme, die mittlerweile auch beim Public Viewing und in Hallen extreme Gefahrensituationen verursachen und als Minderheit die friedliche Mehrheit drangsalieren. Eine Kehrtwende wäre schön, denn Emotionen respektieren ist ein gemeinsames Anliegen und bedeutet nicht, dass jeder alles zu tolerieren hat.
Die Stimmung bei gemeinsamen Gesängen, die beim VfL besonders bei den Relegationsspielen gegen Gladbach und zuvor auch beim Heimspiel gegen Duisburg extrem gut und gänsehautverursachend war, lässt alle Leuchtfeuer verblassen. Auch ein „Bochum“ oder das „Bochumer Jungenlied“ zur rechten Zeit reißt mit und die jüngsten Kreationen der Kurve („VfL - wir stehen zu Dir“ bzw. „Unten auf dem Rasen“) waren richtig gut. Vielleicht bringt uns ein Bochumer Song-Contest ja noch einen neuen Hit für die Saison 2012/2013, auf die ich mich schon freue.  

Allerdings wird nichts an die Atmosphäre des Gesanges der unterlegenen aber stolzen Iren vom 14. Juni in Danzig herankommen.   

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