Sonntag, 28. Oktober 2012

Einmal Haue und zurück

Als um 12:45 Uhr der Bus mit den wenigen Bochumer Anhänger am Erzgebirgestadion vorfuhr, schneite es bereits seit mehreren Stunden. Ich hatte bereits eine Morgenwanderung von ca. 12 km hinter mir und nicht mehr die Zeit gefunden, meine durchnässte Jeans trocken zu föhnen. Aber egal, die zwei Stunden bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und Dauerschnee würde ich auch noch durchstehen. Während sich die Ultras mit einer Nudelpfanne von  der urigen Bratwurstbaracke stärkten, liefen die Teams ein. Das Orange der Bochumer setzte sich deutlich vom geräumten Weiß-Grün des Rasens ab, es konnte losgehen.

Aues Trainer Baumann hatte in der örtlichen Presse vor dem Sturm des VfL gewarnt. Dedic, Iashvili und Freier könnten ein Spiel alleine entscheiden. So reden sie im Tal der Ahnungslosen. In der 5.Minuten dann ein Pfiff und Elfmeter für den VfL. Spielentscheider Dedic semmelt den Ball gekonnt an den Pfosten. Wer sich jetzt eine Nudelpfanne geholt hätte, dem wäre sie bei der Rückkehr auf die Stehplätze aus der Hand gefallen. Drei Gegentore in vier Minuten. Das dürfte in der Zweitligakuriositätenhistorie ganz oben angesiedelt sein. Zu erwähnen noch, das die Anzeigetafel 45:14 anzeigte, als Aue das 4:0 machte. Auch diese 14 Sekunden sind ein Ausrufezeichen wert. Ebenso das 1:6 in der letzte Minute, eine Arte Solidaritätszuschlag der Sachsen mittels eines Eigentores.
Nach dem Spiel bewegten sich die Akteure in Orange langsam in Richtung Gästekurve, in der rund 100 Personen nicht mal mehr die Kraft gefunden hatten zu schimpfen oder der Kopf der Trainers zu fordern.  Ein paar Schneebälle flogen in Richtung Spieler und der Horror nahm sein Ende.  Die meisten Fans stiegen in die Busse, eine lange Heimreise vor sich. Ich machte mich auf den Weg in den Blauen Engel, fest entschlossen dass der Hotelname für mich an diesem Abend Programm werden sollte.

Eine Nacht drüber geschlafen sieht zwar der Himmel über Sachsen freundlicher raus, es kommt sogar die Sonne zum Vorschein, aber über Bochum dürfte sich Sandys kleine Schwester in Stellung bringen. Allen Durchhalteparolen zum Trotz stellt sich die Mutter aller Fragen und darauf gibt es nur eine Antwort, die Jens Todt irgendwann geben muss. Der VfL ist mit seiner Trainerpersonalie ein weiteres Mal gescheitert. Nach Peter Neururer und Marcell Koller, die eine gewisse Kontinuität mitgebracht hatten, ging es mit Friedhelm Funkel und Heiko Herrlich zeitweise etwas bergauf, letztendlich aber umso rapider bergab. Das ist nun anders. Mit Bergmann geht es nur noch bergab. Es wurde viel von Umbruch geredet, von der Integration junger Spieler die Zeit benötigen und jede gute Viertelstunde der Mannschaft als Erfolg, als Schritt nach vorne gepriesen. Man sei auf dem richtigen Weg, weiter als in der Vorsaison und habe letztendlich nur zu oft vergessen, sich für die Leistung zu belohnen. Viele Statements müssen kommen, um die Presse zu bedienen. Geschenkt. Aber es bedarf auch mal deutlicher und ehrlicher Worte intern.
Ich sehe bei keinem Spieler eine Entwicklung nach vorne. Nicht bei Rzatkowski, nicht bei den jungen Abwehrspielern und schon gar nicht bei Gelashvili. Ich sehe keine eingespielten Spielzüge, passende Laufwege, Kreativität. Und darunter leidet nun auch der Kampfeswille der Mannschaft. Iashvili scheint es leid zu sein, sich aufzureiben. Seine beiden letzten Spiele sprechen Bände. Freiers Versuche Führungsqualität zu zeigen und Zeichen zu setzen scheitern kläglich. Goretzka zermürbt sich in der ihm nun zugedachten Rolle, ebenso Kramer. Maltritz und Sinkiewicz spielen Ihren Stiefel routiniert runter. Chaftar hat sich nach Gelashvili endgültig aus einem Zweitligateam gespielt. Rothenbach, Brügmann  und Eyjolfsson sind ihnen dicht auf den Fersen. Tasaka und Dedic sind die Beispiele dafür, dass  man sich in Bochum selbst die letzten Anzeichen von Qualität zerstört.

Es bleiben viele konkrete Fragen: Warum stellt man bei solchen Platzverhältnissen eine Stürmer wie Dedic auf, der seine Schnelligkeit bei Kontern niemals ausspielen könnte. Warum wird ein Aydin nicht gebracht, der als Strafraumstürmer vor dem Tot die Dinger reinmachen könnte, wie es Aue gemacht hat, vorausgesetzt er bekommt probate Zuspiele. Wieso finden Iashvili, Tasaka und Goretzka nicht zueinander, die im Mittelfeld ihre technischen Qualitäten könnten? Wieso ist die Abwehr so fahrig und fahrlässig? Fragen, auf die der Trainer Antworten geben muss. Nicht in der Presse, sondern beim  Training und letztendlich die Mannschaft auf dem Platz. Jetzt dürfte es zu spät sein. Selbst ein Sieg im Pokal und am Sonntag gegen Cottbus sollte nicht genügen, um den Bock umzustoßen und die Richtung nachhaltig zu verändern. Der Trainer mag die Mannschaft erreichen, aber die Mannschaft erreicht das nötige Niveau und die Zuschauer nicht mehr. Am Sonntag dürfte der VfL als Tabellenletzter in einen weitgehend leeren Stadion einlaufen.  Die mit der sportlichen verknüpften  finanzielle Entwicklung wird uns alsbald einholen. Der VfL ist von Tag zu Tag in der schwierigsten Situation seiner Bundesliga-Geschichte. 
Mein Tipp: TSV Havelse - VfL Bochum 0:3

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